Wildschweine im Winterwald

Januar 2013
Während die Tage kurz und Nächte lang sind, ist Rauschzeit bei den Wildschweinen. Die Keiler streifen durch die Wälder, auf der Suche nach Rotten, in denen es rauschige Bachen gibt. Die sind nur wenige Tage empfängnisbereit, werden sie dann vom Keiler beschlagen, kommen nach drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen im Schnitt fünf Frischlinge zur Welt. Damit hat der Keiler seinen Teil an der Familiengeschichte auch schon erfüllt, er zieht den Rest des Jahres allein weiter.
„Wildschweine leben in Familienverbänden zusammen, alle Stücke einer Rotte sind miteinander verwandt“, sagt der Wanfrieder Revierförster Hermann Müller. Eine erfahrene Leitbache ist also Familienoberhaupt und bestimmt die Rauschzeit all ihrer Töchter. Sie schließen sich dem Geschlechtszyklus der Mutter an und bekommen zur gleichen Zeit ihre Frischlinge. Damit haben dann alle Tier einer Rotte die gleichen Bedingungen, was das Überleben einer Familie von bis zu 30 Stücken leichter macht. „Die Leitbache sorgt auch dafür, dass die Töchter nicht zu früh geschlechtsreif werden“, erklärt Müller, die männlichen Nachkommen würden mit etwa einem Jahr aus der Familie vertrieben. Bis zu 100 Kilometer und weiter können sie dann durchs Land ziehen. Inzucht wird so vermieden, die Rotte bleibt stark und gesund. So „Schulbuch reif“ geht es aber nicht bei allen zu. Auch aufgrund des guten Nahrungsangebots und falscher Abschüsse bekommen einige Bachen zweimal im Jahr Frischlinge, etwa die Hälfte kommen nicht April/Mai, der Hauptfrischzeit, sondern übers ganze Jahr verteilt zur Welt. Die Bestände steigen stetig an.
In Hessen soll es an die 200.000 Wildschweine geben. „Eine Begegnung mit ihnen beim Waldspaziergang ist aber selten“, sagt der Revierförster Hermann Müller. Ursprünglich als tagaktive Tiere bekannt, kommen sie seit einigen Jahren überwiegend nachts aus den Dickungen. Mit ihrem dicken schwarzbraunen Borstenkleid ziehen die Rotten jetzt durch den hohen Schnee, immer auf der Suche nach etwas Fressbarem. Gerade bei Minustemperaturen und in der Rauschzeit, verbrauchen sie viel Energie. Im Sommer und Herbst haben sie sich dafür viel Weißes angefressen, neben Eicheln und Bucheckern im Wald, bieten die Mais- und Weizenfelder einen reich gedeckten Tisch. Besonders die Vollmast in Buchen- und Eichenwäldern, die in den vergangenen Jahren vermehrt auftrat, gebe den Hauptimpuls für viele Nachkommen.
Die Jagd ist hier das Mittel zur Reduktion. „Am effektivsten sind die großräumigen revierübergreifenden Bewegungsjagden im Herbst“, erklärt Müller, und der Werra-Meißner-Kreis liefert dazu imposante Zahlen: laut Auskunft der Unteren Jagdbehörde kamen in den vergangnen zehn Jahren im Kreisgebiet bis zu 4.600 Wildschweine im Jahr zur Strecke, in ganz Hessen sind es bis zu 80.000 pro Jahr.
Doch die Jagd scheint aber manchmal nur der Versuch zu sein, die Population dieser Tiere im Zaum zu halten und die Gefahren von Schweinepest sowie von Unfällen mit dieser Wildart auf Landstraßen und Autobahnen so gering wie möglich zu halten. Denn trotz aller jagenden Waidmänner wird sich auch in diesem Jahr die Wildschweinpopulation wieder einmal verdreifachen.