Wanfried

Und jetzt geht’s wirklich los.

Wanfried

Also, komplizierter geht’s kaum. Wegen einem „n“ zuviel so ein Theater. Bürokratie lässt grüssen. Und das am 15. April 1898. Da hat der Königliche Regierungspräsident aus Kassel (A I 2184, Amtsblatt Nr. 17) gesagt: „Schluss mit Wannfried, ihr heißt jetzt Wanfried!“ Und davor hieß es: Heiß ich Wennefrieden, Uanofrieden, Uanenreodun oder Uanenrieden? Alles Namen des Ortes an der Werra. Des Ortes schlechthin. Wanfried, der Nabel der Welt. Und auch, wenn sich der Name so oft geändert hat, der Standort war seit „grauer Vorzeit“ immer derselbe. Wanfried liegt auf der Grenze des großen thüringischen Gaues Germarmark und des thüringischen Westergaus. Das hat R. aus der Geschichte der Stadt Eschwege herausgeschrieben. Neben Heldra und Hone soll es einer der ältesten Orte Niederhessens sein. Der Name wird schon 860 im Urkundenbuch der Stadt Mühlhausen und Archiven in Fulda und Marburg erwähnt. Gericht wurde an vier Tagen im Jahr im Bilstal abgehalten, unterhalb der Burg Stein bei Lengenfeld-Stein. Da wurde den Spitzbuben ordentlichst der Prozess gemacht. Während man heute Monate und Jahre auf einen Gerichtstermin warten muss, waren die Gerichtstage damals fest vorgeschrieben. Am St. Marcus, 25. April; St. Johannis, 24. Juni; Michaelis, 29. September und der Martinstag, 11. November.
Im Jahr 1655 schrieb jemand in einer Frankfurt am Main gedruckten Chronik: „eine fürstlich niederhessische Stadt, an der Werra eine halbe Meile unter Treffurt, soll vom heiligen Bonifatius den Namen haben.“ Der, so wurde mal erzählt, soll dort auch gewohnt haben, ehe er sich nach Mainz abgesetzt hat. Und weil er Winfriedus hieß, wurde der Ort von Alters her Winfrieden genannt. Es gibt auch eine Fabel, nach der Wanfried aus zwei Wörtern zusammen gesetzt wurde: „Wann“ und „Fried“ oder quando pax. Wegen der Schifffahrt ist es ein lustiger Ort, (gewesen :-)) wo viel Waid und Frucht aus Thüringen angeliefert und über die Weser hinab verschifft wird. Der Ort war nie mit einer Mauer umschlossen, (aber später von einem Maschendrahtzaun). Der Landgraf Moritz hat einen Wall, sechs Bollwerke und trockene Gräben bauen und buddeln lassen. Wanfried hat ein fürstliches Schloss und Amthaus, an dem nur der unterste Teil aus Stein, das obere Stockwerk Holz ist. Im Jahr 1640, am 25. Januar, gab es einen grauenhaften starken Sturm, bei dem sich ein Stück Berg von der Plesse, eine viertel Stunde von Wanfried entfernt und etwa 60 Ellen hoch, heruntergefallen war. Erde, Sträucher, Bäume, alles was im Weg stand, stürzte auf einer Breite von vierzig Schuh auf den Grundweg herunter. Das Amt Wanfried besteht nur vier Dörfern, hat aber viele Edelleute. Die Stadt soll also den Namen vom alten Bonifatius haben. Der Apostel der Deutschen, Winfried Bonifacius, wurde sogar im Stadtwappen verewigt. Die Inschrift: „St. Bonifacius fundator Civitatis Wanfriedae“, heißt, und diese Übersetzung wird mir mein Lateinlehrer Ludwig jetzt hoffentlich verzeihen: St. B. Gründer des Staates Wanfried. (jedenfalls laut google-Übersetzer. Civitatis heißt aber auch Zustand, dann könnte das auch heißen: St. B. Gründer des Zustandes Wanfried, des Wanfrieder Zustandes oder so. Damit wäre dann wohl auch klar, wer für den Zustand Wanfrieds zuständig ist.)
Dazu gibt es auch Sagen aus alten Geschichtsbüchern und Chroniken: Die Thüringer Nachbarn schreiben, dass so um 717 ein Engländer, der Wunefried hieß, nach Deutschland gekommen wäre, um das Evangelium den Friesen, Hessen und vielen anderen zu predigen. So kam er nach Wanfried. Dort baute er eine kleine Kirche, die er St. Vitus weihte. Erst ein Jahr später baute er die Kirche auf dem Hülfensberg. 719 beauftragte er den Bau weitere Kirchen entlang der Werra. Die fleißigen Wanfrieder bauten um die Kirche herum immer mehr Fachwerkhäuser (heute von den Niederländern schwer begehrt). Den Ort nannten die Leute nach dem Engländer Wunefridt.
Die Sächsische Chronik schreibt: Während einer Predigt des heiligen Bonifatius, vor vielen Zuhörern auf dem Hülfensberg, soll er mit Blick auf das herrliche Werratal gesagt haben: „Wann doch Friede schwebte über dieser Aue!“ Danach sollen die Ortsnamen Wanfried, Frieda, Schwebda und Aue entstanden sein.Der Geschichtsschreiber Schlosser schrieb, dass Karl der Große, auf der Flucht vor den Sachsen, bei Treffurt über die Werra zog. Das war 778 und während die Sachsen, angeführt von Wittekind, sich schon in Sicherheit über ihren Sieg wähnten, machten die Franken kehrt und verkloppten die Sachsen derart, dass die geschrien haben sollen: „Friede, Friede, wann dann Friede!“ Verkloppen ist hier nicht der richtige Ausdruck. Sie haben sie niedergemetzelt, alle kalt gemacht, abgemurkst. Für die Sachsen schlecht, aber für Wanfried gut, weil der Ort daher seinen Namen haben soll. Und das Gemetzel hatte auch den Namen für Schwebda abgeworfen, weil man die „Sachsen in ihrem Blute schweben“ sah, kurz Schwebda.
Die Chronik von Thüringen schreibt, dass Karl der Große die Schlacht bei Treffurt für sich entscheiden konnte, dann in Wanfried eingekehrt, gegessen und getrunken hat und sich wahrscheinlich auch von den Wanfriederinnen hat verwöhnen lassen. So wie seine Truppen auch. Sei es drum. Frischfleisch gegen frisches Blut. Jedenfalls soll das Heer sein silbernes Kreuz, das ihm in der Schlacht Glück gebracht hatte mitsamt einer Steinkirche dem Hülfensberg spendiert haben. Da müsste das noch stehen. Einfach mal nachsehen.
Eine alte Eichsfelder Chronik schreibt, erst hat der Bonifatius die Eiche gefällt, dann den Hülfensberg verlassen, dann in Wannefriede gewohnt und dann ist er Bischof von Mainz geworden. Er soll im Jahr 726 die Kirche in Treffurt und in derselben Zeit das Kloster in Großburschla gebaut haben. Man war der Mann busy. Ob Bonifatius wirklich in Wanfried war und das alles gemacht hat, weiß der Geier, Geschichtsforscher jedenfalls streiten sich um diese Geschichten, viele sagen sogar: „nö, alles Quatsch“, andere halten es aber für durchaus möglich, dass er im Werratal war, weil in einem Bericht eines Kumpels der Ort Geismar genannt wird. Und zwar an der Grenze von Hessen und Thüringen im Eichsfeld. Volltreffer.
Der Hülfensberg wurde übrigens auch Mont Stuffo genannt. Weil er so alleine in der Gegend rumsteht, mit einem Berggipfel, von dem aus man weit ins Land hineinsehen kann. Als heidnische Opferstätte geradezu perfekt. Jedenfalls gibt es keinen Grund, warum Bonifatius nicht in Geismar eine Eiche gefällt haben sollte, nur weil Fulda das für sich beansprucht, ist da noch lange kein Beweis. Außerdem sind das Werratal und Wanfried auch schon damals so bekannt gewesen, dass nicht mal ein Bonifatius drum rum kam, da mal hinzugehen. Ein fruchtbares Tal, der Hafen, die Nähe zu einer viel besuchten Opferstätte, schon allein darum war Wanfried für eine Ansiedlung perfekt. Und außerdem weiß R. noch:
1. …, dass es einen Mainzer Hof hier gegeben hat, auch wenn Kur-Mainz keine Besitzung hatte, jedenfalls gibt’s darüber keine städtischen Urkunden. Bei der Aktenführung kein Wunder.
2. Außer den Bonifatiuskirchen auf dem Hülfensberg, in Treffurt und Großburschla gab es auch noch eine in Forste bei Schwebda. Das Dorf ist allerdings nicht mehr. Forste ade.
3. Es gibt Quellen, die sind nach Bonifatius benannt, auf dem Hülfensberg, in Heldra und Bebendorf.
4. Dann gibt’s da noch den Festumzug am Hülfensberg anlässlich dem Hülfenstag. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, ähnlich wie beim Wanfrieder Schützenfest. Aber es gibt eine von Alters her überlieferte strenge Anordnung der Fahnen. Und in der Mitte des Festumzuges wurde bis 1870 noch eine große Lücke gelassen. Angeblich, weil die Reihenfolge dieselbe sein soll, wie zu den Zeiten, als sie sich zum Christentum bekannt haben. Die Lücke ist für die vier hessischen Gemeinden, die zum Luther übergelaufen waren, darunter Wanfried. Wie immer Extrawurst, Abtrünnige. Auch wenn der Bonifatius als Werbeträger echt ne gute Figur abgibt, er vielleicht hier wohnte und wirkte, ist es aber auch möglich, das der Name der Stadt irgendwo anders herkommt. Das Fischerdorf Wanfried hat schon lange vor Ankunft des Apostels bestanden. Aber auch da kann sich keiner mit der felsenfesten Meinung des anderen abgeben.
Aber eins steht fest: Bis zum Jahr 1897 schrieb man Wannfried. Die faulen und modernen Leute schrieben Wanfried, die Amtsleute Wannfried. Der Regierungspräsident machte dem Theater ein Ende und strich ein „n“. Dann begann man im Rathaus nach der alten Schreibweise zu suchen. Es gab sogar Gutachten, die wie so oft nix aussagten.
Landesbibliothekar Dr. Lohmeier aus Kassel: „Es ist nicht möglich zu sagen, welche Schreibweise richtig ist. Ich empfehle die mit einem „n“.“
Landesbibliothekar Dr. Seelig aus Fulda: „Der Ortsname ist mit „nn“ zu schreiben.“
Superintendent Wolff aus Eschwege kommt zum selben Ergebnis.
Archivar Dr. Könnecke aus Marburg: „Ich habe die Schreibweisen ab 1015 studiert. Die älteste ist die mit „n“, das „nn“ kam erst Mitte des 17. Jahrhunderts. Jetzt könnt ihr euch aussuchen, wie ihr es haben wollt.“
Professor der deutschen Sprache und Literatur Dr. Edward Schröder aus Marburg: „Ich weiß nicht, wo der Name herkommt. „nn“ ist alt. „n“ ist modern.“
Pfarrer Ebert aus Reichensachsen: „Ich habe in alten Urkunden gesehen, dass es mit „n“ geschrieben wurde.“
Königlicher Gymnasialdirektor Dr. Schmidt aus Schleusingen: „Die Schreibweise mit einem „n“ ist wohl richtig. Kurz gesagt, wenns genau untersucht werden soll, brauch ich noch ein paar Jahre.“
Arnold: „Der Name bedeutet Hege, Einfriedung eines Siedlers Wino oder eines Mannes mit ähnlichem Namen. Kann auch sein, dass der erste Teil des Namens mit dem althochdeutschen Ausdruck für Weide (Wun) Uanofriedem steht.
Dann gibt’s noch Leute, die sagen, Wanfried sei wendischen Ursprungs, weil der Ort, wie Eschwege auch, zur Wendischen Mark gehörte. Die ging bis Jestädt, über Teile des Eichsfeldes, bis nach Heiligenstadt. Das alles sind Orts- und Flurnamen mit wendischem Ursprung. Die zweite Hälfte „fried“ ist klar. Einfriedung, Umzäunung. Aber die Meinungen gehen bei der Silbe „Wan“ total auseinander. Die einen sagen, es könnte „ohne“ heißen. Ohne Wälle und Einfriedungen und damit ohne Schutz. Dagegen bedeutet Frieda eingefriedet mit Mauer, Wall oder ähnlichen Schutzvorrichtungen. Die anderen behaupten gerade das Gegenteil. Und das ist in Wanfried heute noch so. Eigentlich hielten die Stadtoberhäupter an der ollen Schreibweise nur fest, weil Landgraf Moritz von Hessen-Kassel auf der Stadtrechteurkunde Wannfried , den 13. August 1608, geschrieben hat. Und als dann einer mal genauer hinsah, erkannte er, dass in der Urkunde mal mit „n“ mal mit „nn“ geschrieben wurde. Denen war es also auch egal. Und dann der Durchbruch. Die Stadtverwaltung ließ die teuren Gutachten und einfach alle Meinungen unbeachtet und entschied zeitnah: „n“ ist modern. Also: WANFRIED.

Uff, und jetzt nach so vielen „nnnnnnnnnnnn“ geht’s in die Zeit 874 bis 1385…