Vorwort

Im Jahr 1884 fielen dem R. (A.d.R. Reinhold), die Tagebücher von Kantor Hotzell in die Hände. Der hatte angeblich schon alle wichtigeren Sachen aus den Jahren 1622 bis 1637 aufgeschrieben. Dann fand R. noch ein Verzeichnis aus Leipzig, das die vornehmsten Städte Europas aufzählte. Was soll ich sagen: Wanfried war dabei – ganz vorn – 1616 – kann nachgelesen werden. Donnerwetter! Der Sattlermeister Georg Bressler hatte die Dokumente gefunden und gedacht, da könnte der R. doch mal was drüber schreiben, weil der ja eh schon bei der „Wanfrieder Zeitung“ (Verlag von Gebrüder Kling in Eschwege) arbeitete. Okay, dachte sich der R., dann machen wir das so und veröffentlichte all das, was Bressler ihm gegeben hatte unter: „Gesammelte Nachrichten von Wanfried“. Und das hat eingeschlagen, sag ich Ihnen. Der R. hat so viele Rückmeldungen gekriegt. Dass die Leute das gut finden und selbst auch noch erzählen könnten, was in Wanfried zum Beispiel während der „Franzosenzeit“ los war. Und weil über Wanfried bis dato noch nicht so viel bekannt war, fing R. an, die Geschichten zu sammeln. Also R. ist dann zu den Leuten gegangen, mit Block und Bleistift und hat mitgeschrieben. Und dann noch mal alles in Schönschrift. Per Hand. Der R. hat sich richtig reingekniet, ihn hatten das Schreibfieber und die Neugierde gepackt. Uff, was ne Arbeit
Sein Talent zu Schreiben hat ihm dann wohl die Stelle bei der Stadt verschafft. Ab 8. Mai 1885 war er als Stadtsekretär unterwegs in Wanfrieds Amtsstuben. Und R. dachte: „Wie gut, jetzt kann ich die Chronik fertig machen, wo ich doch ganz nah dran bin an den Akten und Archiven der Stadt.“ Aber Pustekuchen. Nix war mit schnell. Die Verwaltung eben. Da geht’s nix schnell. R. wusste das nur noch nicht. Er war ja vorher Journalist gewesen. Woher sollte er wissen, wie eine Stadtverwaltung arbeitet? Die Akten, die er suchte, waren nicht da oder unvollständig. Im Dreißigjährigen Krieg soll ja viel verbrannt sein, sagt man. Aber, ob man es auch glauben soll? Jedenfalls blieb dem R. nix anderes übrig, als sich in anderen Archiven umzusehen. Recht hatte er. Und wieder kniete er sich rein. Schließlich hatte er energetisch gesehen einen Überschuss, weil er ja bei der Stadtverwaltung arbeitete. Diese überschüssige Energie steckte er in die Recherche, las Chroniken von Thüringen, Hessen, Eichsfeld, Eschwege und Treffurt, forschte in Archiven und Bibliotheken, blätterte in verstaubtem Urkundenmaterial und hatte am Ende ein dürftiges Ergebnis.
Aber dann, sieh an, sieh an, hat mal einer im Rathaus aufgeräumt, weil Bauarbeiten anstanden, und dabei hat man zwei Kisten gefunden. In dieser Stadtverwaltung müssen bis dahin nur Männer gearbeitet haben, denn niemand hatte die Kisten geöffnet, keiner wusste, was da drin sein könnte. Das wäre einer Frau nie passiert! Hundert pro, nie! Obwohl, wenn eine Frau beim Blick in die Kiste alte Dokumente anstelle der erträumten Schuhe gefunden hätte, wäre die auch gleich wieder unter der Treppe verschwunden. Die Kiste, nicht die Frau. Aber jetzt noch mal zu den zwei Kisten. Darin war das Salbuch aus dem Jahr 1558. Huiiii! Und der R. fand Kämmereirechungen von 1610 und Akten aus den Zeit des Siebenjährigen Krieges (A.d.R. 1756 bis 1763). Wow! Und jetzt kam der R. wieder in richtig in Fahrt, denn jetzt hatte er das in den Händen, was er zum Abschluss seiner Chronik brauchte. Aufgepeppt mit mündlichen Überlieferungen vom Apotheker Frobeose und dem Tagelöhner Christan Thomas aus den Freiheitskriegen (A.d.R. 1813 bis 1815), wurde was Passables draus.
Und dann war sie fertig. Aber erst mal nur für die Stadtverwaltung. Der Druck eines Buches war teuer, die Stadt hatte wie immer kein Geld. Verwaltung eben. Da musste erst mal wieder – und das ist heute auch noch so – ein Herr von Scharfenberg ran. Der Karl Xaver hat`s veranlasst und bezahlt. Jetzt standen Druck und Herausgabe der Chronik nix mehr im Weg. Darüber freute sich auch die Stadtverwaltung. Denn das 300. Stadtjubiläum stand vor der Tür, und weil der Karl Xaver das Werk bezahlt hat, hat man es ihm dann „dankenswerterweise“ auch fluchs gewidmet. Bravo!
Doch wie oft bei Autoren der Fall, kurz vor dem Druck, da hat`s dem R. doch ein bisschen Angst gemacht, wegen Urheberrechten, dem Recht auf Vollständigkeit oder Wahrheit und so. Darum hat er großen Wert auf Fußnoten gelegt – heute übrigens wieder schwer im Trend – und darauf hingewiesen, dass er einfach mal „in chronologischer Reihenfolge und mit schlichten Worten die wichtigsten Ereignisse unseres schönen Werrastädtchens aufschreiben wollte.“ Besser hätte ich es nicht sagen können. Super Reinhold! Und darum zitiere ich ihn auch im letzten Satz des Vorwortes ganz sauber: „Möge sie überall freundliche Aufnahme finden.“

Wanfried, im Juni 1908“ Reinhold Strauß, Stadtsekretär