Stadtführerin aus Leidenschaft

Büdingen. Die Fachwerkhäuser der Stadt strahlen in der Nachmittagssonne. An den Mauern des Festungswalls, an Häusern, Brunnen und Plätzen zieren bunt bepflanzte Blumenkästen die Straßen und Gassen. Büdingen zeigt sich an diesem Sommertag von seiner schönsten Seite. Alte Kastanien tragen üppiges, frisches Grün, die Bauerngärten zwischen der inneren und der äußeren Stadtmauer haben ihre sommerliche Vielfalt vor den Menschen ausgebreitet. Es scheint, als hätte die Stadt ihren „Tisch“ besonders hübsch eingedeckt für die Gäste, die sich am Flair der mittelalterlichen Stadt laben wollen.
In Büdingen sind sie richtig. Die Stadt mit dem einzigartigen Festungswall zieht jedes Jahr zehntausende Besucher an. Vor der Tourist-Information am Marktplatz versammeln sie sich, werden dort von Stadtführern begrüßt. Heide-Diana Massakas ist eine Stadtführerin im 21.000 Einwohner zählenden Büdingen. Neben den allgemeinen Stadtführungen ist ihr Steckenpferd das Fachwerk, die jung gebliebene 72-Jährige hat sich ein umfangreiches Wissen über das Kulturgut in Deutschland und der Welt angeeignet, aber auch in die Geschichte der Jüdischen Mitbürger und der Auswanderer zu Zeiten Katharinas der Großen im 18. Jahrhundert hat sie sich intensiv eingelesen, hat die Orte aufgespürt, wo sie den Menschen diese Geschichte hautnah präsentieren kann.
Gäste aus der ganzen Welt heißt Heide-Diana Massakas in der mittelalterlichen Stadt willkommen. Die Büdingerin spricht mehrere Sprachen, die sie für ihre berufliche Tätigkeit im Auswärtigen Amt brauchte. „Vor ein paar Wochen waren zwei Damen aus Canada hier“, erzählt sie. Auf der Suche nach einer mittelalterlichen Stadt, von Touristen noch nicht so überrannt wie Rothenburg ob der Tauber, seien diese im Internet auf Büdingen gestoßen. Der moderne Internetauftritt habe sie neugierig gemacht, er zeige bereits eindrucksvolle Ausschnitte dieser Stadt, erfuhr Heide-Diana Massakas von den beiden Touristinnen, die auf der Durchreise nach Norwegen waren.
Die Stadtführerin füllt diese ersten Eindrücke mit Geschichte und Geschichten. Sie schließt den Gästen Türen auf, gibt Einblicke, Überblicke und schöne Aussichten auf die Ausläufer des Vogelsbergs und der Wetterau. „Büdingen wurde auf einen Sumpf gebaut und steht auf Eichenpfählen wie Venedig“, erklärt sie vor dem großen Stadtmodell im Roten Turm. Es ist nicht nur ein 3 x 3 Meter großes Stadtmodell, es ist ein Kunstwerk. Der Büdinger Modellbauer Emil Höhn baute es aus tausenden Teilen von Balsaholz, rekonstruierte das dreizehnseitige Vieleck, aus dem das Schloss als einstige Wasserburg zwischen den zwei Armen des Semenbaches erbaut wurde und baute das Schloss aus Kernburg und Vorburg nach. Vor diesem Kunstwerk stehend, erklärt Heide-Diana Massakas, warum neben der von einer Stadtmauer umschlossenen Altstadt die Neustadt gebaut und ebenfalls von einem Festungswall umschlossen wurde. „Seit 1393 haben wir zwei befestigte Städte“, erklärt sie den sieben Frauen einer Fraport-Abteilung, die extra aus Frankfurt für diese Stadtführung angereist waren. „Eine Kollegin ist Büdingerin, darum wollen wir diese Stadt genauer kennen lernen“, erzählt Abteilungsleiterin Kerstin Rumpf auf Nachfrage. Für das Fraport-Team unterstreicht die Stadtführerin mit eindrucksvollen Gesten das, was sie über die Stadt weiß. Mit ihren Händen formt sie die Linien des Festungswalls nach, deutet auf Tore und Pforten, umrahmt dabei das Ganze mit heiteren Anekdoten und lebendiger Erzählkunst. Und auch für die seltsam geostete und für Büdingen eigentlich zu große Marienkirche hat sie eine einfache Erklärung. „Unser Tebartz van Elst im Mittelalter hieß Dieter II., Erzbischof von Mainz“, scherzt sie. Doch genau dieser Mann der Kirche habe Büdingen, einem Ort von Ackerbürgern und Handwerkern, die Möglichkeit gegeben, durch repräsentative Bauten zu zeigen, wer dort regierte. „Dieter II. gehörte zur Familie der Grafen von Ysenburg, die 1258 die Herrschaft über die Stadt erlangten und heute, 23 Generationen später, noch immer im Schloss zuhause sind“, sagt die Stadtführerin.
Seit acht Jahren ist sie wieder daheim in Büdingen. Vor 45 Jahren arbeitete sie bereits ein paar Jahre in der Stadtverwaltung. „Am liebsten habe ich dem Denkmalschützer Peter Nieß beim Sichten und Sortieren alter Dokumente geholfen“, erzählt sie. Schon damals habe sie die Geschichte interessiert, als sie nach 40 Jahren im Ausland wieder zurück kam, baute sie auf dieses Wissen auf.
In ihrem Hosenanzug mit floralen Motiven und dem orangeroten Strohhut auf dem Kopf führt sie die Gruppe durch Alt- und Neustadt, geht vorbei an den Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten, macht auf den echten Wilden Mann aufmerksam, eine Fachwerkkonstruktion aus dem frühen 16. Jahrhundert, die par excellance am Luckischen Hof in der Schlossgasse zu bewundern ist, wo die fachwerkbegeisterte Stadtführerin ins Schwärmen und Träumen gerät. „Hier werde ich ein Fachwerkmuseum einrichten, wenn ich irgendwann den Jackpot gewinne“, sagt sie und gewinnt erst einmal die Bewunderung der sieben Frauen, die von der Fassade fasziniert sind, die ein Zimmermeister im Jahr 1510 verzimmert hatte.
Auf der Tour macht die Gruppe Halt am Obertor, die Stadtführerin öffnet den Verschlag, der einst eine Arrestzelle war. „Hier wurden die eingelocht, die der Nachtwächter auf seinem Rundgang durch die Stadt festgenommen hat“, erklärt sie, beim Blick in das kleine dunkle Loch, wurde jedem Betrachter klar, dass der Gefangene sicher schnell den Gerichtstag herbeisehnte, um da wieder herauszukommen. „Doch nach der Verurteilung ging es gleich in einen der drei Gefängnistürme, was auch kein Vergnügen war“, erzählt die Geschichtskennerin. Gleich gegenüber geht sie dann mit ihrer Gruppe die Straße „Am Gebück“ hinauf. „Hier gab es eine beinahe undurchdringliche Hainbuchenhecke, die noch mit Brombeersträuchern „aufgerüstet“ war, damit Angreifer nicht gleich an den Festungswall kamen“, sagt sie.
Einen Überblick über diesen beide Städte umfassenden Festungswall mit seinen 22 Türmen und Halbschalen bekommt die Frankfurter Gruppe beim Aufstieg auf das Große Bollwerk. Mit einem Blick über Büdingen hinweg auf den Wilden Stein, ein Basalt-Vulkangebilde des Vogelsbergs, dem ältesten Vulkan Europas, wird den Gästen endgültig klar, dass sie hier an einem ganz besonderen Ort sind. Die Stadtführung endet am Jerusalemer Tor, an der Grenze zur Vorstadt, die im 18. Jahrhundert vor den schützenden Mauern erbaut wurde. „Das Jerusalemer Tor ist als einziges noch erhalten, weil die Büdinger Bürger es um das Jahr 1820 besetzten und so vor dem Abriss schützten, immerhin 71 Jahre vor dem ersten Denkmalschutzgesetz“, sagt die Stadtführerin am Ende ihrer Tour, bei der sie wieder einmal zeigen konnte, dass es sich lohnt, die Geschichte einer hessischen Stadt hautnah zu erkunden. (dieser Artikel ist am 6. August in der F.A.Z. erschienen) (dw)