Luchsnachwuchs in Hessen

Nachweis für Reproduktion beim hessischen Luchs gelungen – Melsungen.
In Hessens Wäldern leben wilde Luchse. Und sie ziehen Junge auf. Das sind keine Vermutungen, sondern harte Fakten. So bezeichnet die Arbeitsgemeinschaft Hessenluchs unter anderem Fotos und Videos von der größten Wildkatze Europas. Im 170 km² großen „Hotspot“ des hessischen Luchsverbreitungsgebietes zwischen Fuldabrück, Melsungen, Spangenberg, Hessisch-Lichtenau und Helsa, ist die Möglichkeit einem Luchs zu begegnen besonders groß. In den waldreichen Landkreisen Schwalm-Eder und Werra-Meißner endete unlängst das vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUELV) beauftragte Projekt „Luchsmonitoring“, mit entsprechend großem Erfolg.
Im Luchsbericht 2011 wurden Hinweise von insgesamt 50 Luchsbeauftragten für den Zeitraum August 2010 bis Juli 2011 ausgewertet. 127 plausible Meldungen gingen ein, zehn davon sichere Nachweise durch das aktive Monitoring. Erstmals gelang der Nachweis für eine Reproduktion anhand der Bilder, auf denen Katze und Junge zu sehen sind. Im Landkreis Kassel gab es mit 39 die meisten Luchshinweise, zudem wurden Jungtiere gesehen. Im Rheingau-Taunus Kreis wurde die Großkatze insgesamt 26 mal gesehen, in weiteren zehn Landkreisen ist sie ebenfalls unterwegs.
Die Meldungen und Fotonachweise gehen auch nach Abschluss der Auswertung ein und gipfelten jetzt in einer Beobachtung von fünf Tieren. Forstwirt Ulrich Wettig liefen sie am 6. Januar auf seiner Fahrt durch das Revier über den Weg. Aufgeregt filmte er die Begegnung mit dem Handy, die Bilder sind etwas verwackelt, die Tiere aber gut erkennbar. „Die Katze stand zuerst quer auf verschneiten dem Waldweg, ich musste anhalten“, erzählte der 47-Jährige zwei Wochen später vor Ort. Das Video zeigt, wie die Luchsin danach hinter einem Holzstoß nur fünf Meter vom Auto entfernt vorbeiläuft, stehen bleibt und in Richtung einer Fichtenschonung zieht. Wettig filmte weiter, den Motor des Jeeps ließ er laufen. „Auf einmal sah ich drei Tiere im Display“, berichtete er. Im Film sieht man die Begrüßung der Tiere untereinander, die Aufnahme wackelt, Wettig zoomt die Szene heran, die sich zehn Meter vor dem überraschte Forstmann abspielt. „Ich wollte schnell noch ein paar Fotos machen, da kamen noch zwei Jungtiere dazu“, erzählte Wettig weiter. Er machte Fotos von allen, dann trollte sich die Luchsfamilie.
Diese Dokumentation bestätigt Forstamtsleiter Christian-Peter Foet in seiner Vermutung: „Großkatzen sind anpassungsfähiger, als die Fachliteratur das bislang beschrieben hat“, sagte er. Zwar hielten sie Abstand zum Menschen, aber sähen in ihm keine Gefahr. In Melsungen leben nach Annahme Foets mindestens fünf erwachsene Tiere und bis zu sechs Junge. Eigentlich zu viele dieser Einzelgänger auf einer Fläche von 280 km² im Forstamt Melsungen, so Foet. Bei guten Lebensbedingungen lassen die Luchse aber offenbar andere Artgenossen in ihrer Nähe zu, zudem beweise die Luchsin mit vier Jungen, dass genug Beute für ihre Nachzucht vorhanden sei.
Im Revier Melsungen werden immer wieder Luchse beobachtet. Foet geht allen Meldung nach, sieht sich die Bilder genau an. Vor einem Jahr wurden für das Monitoring 30 Fotofallen installiert, die automatisch Bilder verschiedener Tiere schießen konnten. Einmal im Monat wurden die Speicherkarten entnommen und ausgewertet. „Zwei dieser Geräte wurden leider gestohlen“, bedauert Foet, schließlich könnten auf den Speicherkarten wichtige Beweisfotos gewesen sein.
Bei Hessenluchs werden die Fotobeweise als C1-Meldung (harte Fakten) registriert, „zwei Tiere wurden damit eindeutig identifiziert“, berichtete Foet. Unter den Aufnahmen die einer Katze, die im Sommer 2011 zwei Junge bei sich hatte, ein anderes zeigte ein geschlechtsreifes Männchen. Für Foet ist das nicht nur der bislang fehlende Fortpflanzungsbeweis, sondern vielmehr ein Beleg für die biologische Vielfalt in Hessens Wäldern, die auch einer naturnahen und umsichtigen Waldbewirtschaftung zu verdanken sei.
In Hessen sind die Luchse heimisch geworden. Es sind Tiere der Harzer Population, die hier ihr Revier gefunden haben, somit könnte die Mitte Deutschlands zu einem Sprungbrett der Etablierung und zur „Genbrücke“ einer Art werden, die seit 1833 in Hessen als ausgestorben galt. Ein Kreislauf ist in Gang gekommen. Gerade ist wieder Paarungszeit, die Luchsin entlässt ihre Jungen dieser Tage ins Einzelgängerdasein. Bestenfalls, so Foet, ziehen sie dann in Richtung Seulingswald, Knüll und Rhön, bis sich ihre Nachkommen irgendwann mit der Population im Bayerischen Wald mischen werden. „Im April kommen die nächsten Welpen, die wir hoffentlich ab Juli zu sehen bekommen“, sagte der Luchsfachmann Foet.
Eine „traumhafte Entwicklung“ nannte es Thomas Norgall vom NABU im Herbst 2011, als sich eine positive Tendenz des Projektes abzeichnete. Mit dem Luchsmonitoring soll diese auch in den nächsten Jahren weiter dokumentiert werden.