Luchsmonitoring in Hessen

Der Luchs ist ein scheuer Einzelgänger, nachtaktiv mit großem Aktionsradius. Mit Fotos als „harte Fakten“, sollen in einem hessischen Pilotprojekt Steckbriefe der Tiere angelegt werden. Erste Erfolge lassen hoffen:
„Sie folgt uns etwa 150 Meter, dann schwingt sie sich auf einen Holzstoß und bleibt dort sitzen“, berichtet Raymund Brunner über seine erste Begegnung mit dem Eurasischen Luchs,(Lynx lynx), in einem Waldstück im Schwalm-Eder-Kreis. Der rehgroße Luchs lag bei Dunkelheit auf einer Freifläche im Gras. Brunner leuchtet ihn mit einer Taschenlampe an, erkennt die typischen Pinselohren, die Fellzeichnung und den Stummelschwanz. Tage später gelingt es, Fotos zu machen. Er veröffentlicht sein Erlebnis und Fotos auf der Internetseite des Arbeitskreises Hessenluchs. Ein eindeutiger Beweis und reiner Zufall.
Der Arbeitskreis Hessenluchs, eine Organisation aus Naturschützern, Forstleuten und Jägern, nimmt seit 2004 alle hessischen Meldungen über derlei Begegnungen auf. Die erste Sichtung gab es in den 1980er Jahren im Kellerwald, 1999 wurde der Luchs vermehrt im Werra-Meißner-Kreis gesehen, mittlerweile war er in 20 Landkreisen Hessens unterwegs. 359 Meldungen gingen bei Hessenluchs ein, im letzten Jahr allein 76 aus dem Werra-Meißner und zwölf aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Aufmerksame Spaziergänger, Jäger und Wanderer machten Fotos, fanden Trittsiegel, Tierrisse, Markierungszeichen und Kot.
Die Vorstellung, dass diese Tierart die Fauna hessischer Wälder auf lange Sicht bereichern könnte, treibt die 69 ehrenamtlichen Mitarbeiter von Hessenluchs an. Gemeinsam suchen sie nach Methode zur Bestandsaufnahme der Luchse, dies sich langfristig etablieren lässt. Diesem Ziel ist Hessenluchs jetzt ganz nah. Mit fest installierten Fotofallen ist man dem heimlichen Nachtjäger an einigen Stellen bereits auf die Schliche gekommen. Beim „aktiven Monitoring werden die Tiere ungestört in ihrem Lebensraum fotografiert. Ein hessisches Pilotprojekt.
„Von jedem fotografierten Tier wird ein Steckbrief gemacht“, sagt Thomas Norgall vom Arbeitskreis Hessenluchs und Stellvertretender Landesgeschäftsführer von BUND Hessen. 50 Fotofallen wurden dafür in den Revieren der Forstämter Hessisch Lichtenau und Melsungen installiert. Abseits der Wald- und Wanderwege, im Dickicht, an Wildwechseln, Lichtungen und Plätzen, wo bereits Luchse gesichtet oder gefährtet wurden, hängen jetzt tarnfarbene Apparate von der Größe einer Brotdose. Die etwa 200 Euro teuren Fotofallen machen erstaunlich gute Bilder und speichern sie auf einer Chipkarte. Bis auf eine Entfernung von 50 Metern lösen sie aus und zeigen, wer tags und nachts im Wald unterwegs ist. Ausgestattet mit Bewegungsmelder, Infrarot und einem Blitzlicht, das die Tiere nicht verschreckt.
Ralf Meusel, Forstbeamter und Luchsbeauftragter beim Forstamt Hessisch Lichtenau, kontrolliert einmal monatlich seine Fotofallen, entnimmt die Speicherkarten, lädt vor Ort die Bilddateien auf den Laptop. Im April stellte er 20 Fotofallen auf. „Zweimal war eine Wildkatze zu sehen“, sagt Meusel, ansonsten Hirsche, Rehe oder Waschbären. Die Fotos zeigen deutlich, dass die Tiere nicht gestört werden. „Sie äsen, halten sich lange im Bereich der Kamera auf“, so Meusel. „Im Mai gab es eine Sichtung, im März einen Riss“, erzählt der Forstbeamte. Die Apparate habe er an Stellen installiert, wo diese Tiere am häufigsten gesehen wurden. Bislang leider ohne Erfolg, das ersehnte Luchsfoto war noch nicht dabei.
Luchsbeauftragter Christian Peter Foet vom Forstamt Melsungen hat das Glück und die Luchse auf seiner Seite. Seit Anfang des Jahres stehen 30 Fotofallen in seinem Revier, fünf Aufnahmen verschiedener Luchse wurden seit dem gemacht, die letzte im Juli. „60 Mal wurde ein Tier von Jägern oder Spaziergängern gesehen“, so Foet. Von einigen Begegnungen gebe es Fotos, die bei Hessenluchs als C1-Meldung, harte Fakten, gespeichert werden, so Foet. Die anderen Hinweise untersucht er auf eindeutige Spuren und meldet diese unter C2, als von geschultem Personal bestätigt. Er selbst habe auch schon einen Luchs gesehen, verrät er und dass es schon einen Fortpflanzungsnachweis in seinem Revier gegeben habe. Jetzt hofft er, dass diese Jungtiere in Richtung Süden über die Rhön bis zum Bayerischen Wald ziehen werden, um sich mit der dortigen Population zu mischen. „Die Luchse in Nordosthessen sind ein Beleg für die biologische Vielfalt einer naturnahen Waldbewirtschaftung“, so Foet. Es beweise, dass Großpraedatoren, zu denen auch der Wolf gehört, in hochentwickelten Industriegesellschaften leben können. Eine ausreichende Mindestpopulation könne sich aber erst etablieren, wenn sich Tiere verschiedener Populationen fortpflanzen. „Inzucht bedeutet eine hohe Mortalitätsrate“, sagt Foet. Die natürliche Sterblichkeit bei Jungtieren liege in Mitteleuropa schon jetzt bei 75 Prozent. Die jungen Luchse sind zehn Monate alt, wenn sie sich ihr eigenes Revier suchen müssen, dann beginnt ihr Überlebenskampf.
Der NABU Hessen fordert darum in seinem Bundeswildwegplan unter anderem den Bau weiterer Wildtierkorridore. „Wenn die Populationen aus dem Harz und dem Bayerischen Wald über Hessen verschmelzen würden, wäre das eine traumhafte Entwicklung“, meint auch Thomas Norgall, doch davon sei man aber noch viele Jahre entfernt. Der Arbeitskreis Hessenluchs wird das aktive Monitoring noch weitere Jahre fortsetzen. Die erste Auswertung und Fotos dieser schon jetzt erfolgreichen Aktion kündigt Norgall für Ende September an.
„Der Puls hämmerte,…, aber ich bin glücklich über diese Begegnung“, schreibt Raymund Brunner über sein Erlebnis mit dem Luchs auf der Internetseite von Hessenluchs, wo es in Zukunft sicher weitere Schilderungen aufmerksamer Waldbesucher geben wird.

Info: Arbeitskreis Hessenluchs

2004 von BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Hessen und dem Ökologischen Jagdverein Hessen gegründet. In Kooperation mit dem Hessischen Umweltministerium, dem Landesjagdverband Hessen und Hessen-Forst gehören dem AK auch NABU Hessen, Forschungsinstitut Senkenberg, Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Hessen, Bund Deutscher Forstleute, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald an. Enger Kontakt besteht zum Luchshegering Vogelsberg. Die Arbeit wird aus Spendengeldern und Zuwendungen des Hessischen Umweltministeriums finanziert.