Leiter Express

Aus der Not zur „sicheren“ Geschäftsidee. Sören Mützky baut die vielleicht besten Leitern Deutschlands (erschienen bei Wild und Hund, Ausgabe 18/2010) 0008 Uslar.
Der Mähdrescher dreht im Rapsfeld seine Runden. Staubwolken wirbeln auf. An das monotone Geräusch der Landmaschine haben sich die Sauen längst gewöhnt. Sören Mützky (39) steht am Rand des Ackers. Auf einer Ansitzleiter, etwa 2,50 Meter über dem Boden. Die Büchse zeigt nach unten in Richtung Waldkante. Für ihn gut sichtbar, seine Jagdfreunde Thomas Friedrich (45) und Mathias Figge (51). Auch sie stehen auf Leitern, mit Blick über den Raps. Dann bricht ein Schuss. Matthias hat einen Überläufer beschossen, der liegt im Feuer. Die Anspannung steigt. Landwirt und Jagdaufseher Mario Holz signalisiert vom Mähdrescher aus, dass da noch mehr drin stecken. Dann geht alles ganz schnell. In zwei Richtungen versuchen die Sauen hoch flüchtig den Raps hinter sich lassen. Jeder Schütze kommt zu Schuss, am Ende liegen vier Stücke auf der Strecke.

Dreizehn Uhr. Sören Mützky hat vor einer Stunde sein Büro in Uslar-Verliehausen verlassen. Das 450-Einwohner-Dorf liegt zwischen bewaldeten Anhöhen, Pferdekoppeln und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Das Wetter an diesem Tag ist unbeständig, Regen und Sonne wechseln sich ab. Mützky ist unterwegs ins Revier Schoningen, wo Mario Holz immer noch Raps drischt. Auf seinen Feldern stehen außerdem Mais, Weizen und Rüben. Wildschaden vorprogrammiert. Mützky, Unternehmer und flexibel in seiner Arbeitszeit, ist fest eingeplant, wenn es um Wildschaden-Bekämpfung geht. Das eigene Waldrevier hat er im Landkreis Göttingen vor sechs Jahren gepachtet.

„Gestern waren zwei Rotten im Raps“, sagt Mützky. Heute will er demonstrieren, dass eine Erntejagd mit Ansitzleitern nicht nur erfolgreicher ist als ohne, sondern auch sicherer. Auf dem Anhänger des Geländewagens liegen vier Klappleitern, gefertigt in seiner Firma Hochsitz24. Mützky fährt den Feldrand entlang, Jagdhelfer Thomas Lauhoff (29) stellt die Klappleitern auf. „Auseinanderziehen, Seitenteile arretieren, aufsteigen und Fußbrett umklappen, fertig“, sagt Lauhoff, der diese Leiter mit konstruiert hat. Eine wiegt etwa 35 Kilogramm.

Sören Mützky, Thomas Friedrich und Thomas Lauhoff besteigen die Leitern, der Mähdrescher setzt sich langsam bergauf in Bewegung. Obwohl während dieser Demonstration keine Sauen im Raps sind, wird dem Betrachter klar: die Übersicht über das Geschehen im Raps, dem umliegenden Gelände und die Standorte der Mitjäger an der abgestellte Fläche ist groß. Mützky und die anderen stehen mit dem Fahrer des Mähdreschers auf Augenhöhe. Die Jäger können sogar sehen, was hinter dem Mähwerk passiert.

„Saujagd ist für mich immer wieder eine große Herausforderung“, sagt Mützky. Hier käme es auf Schnelligkeit und Sicherheit an. „Von der Leiter aus kann man sie früher sehen und ruhiger zu Schuss kommen“, meint er.

Seit 20 Jahren geht Mützky zur Jagd, vor sechs Jahren entwarf und baute er mit Zimmermann Thomas Lauhoff seine erste eigene Ansitzleiter. In nur drei Tagen, wie er sagt. Das hatte einen besonderen Grund.

„In meinem Revier waren kaum brauchbare Leitern zu finden“, erzählt der Unternehmer. Dickungen, Suhlen, Mahlbäume und starke Wechsel zum angrenzenden Feld, zeugten von gutem Wildbestand und erfolgreicher Jagd. Geeignete Jagdeinrichtungen? Fehlanzeige. Kostspielige Ausgaben dafür waren im Budget des Kaufmanns nicht vorgesehen. Die Freude über das eigene Revier wich der Angst, dass die Jagd mühsam und wenig erfolgreich werden könnte.

Ansitzleitern mussten her. Und zwar optimale. Der Sicherheitsaspekt war anfangs allerdings eher ein Nebeneffekt. In der Werkstatt wurde gezeichnet, getüftelt und gebaut. Leiterholme, -sprossen und Querstreben, Sitzbrett-, Lehne und Fußbrett entstanden. Als sie die klappbare Holzleiter das erste Mal ausprobierten, waren Mützky und Lauhoff vollends überzeugt.

Als die erste Leiter fertig war, ging man fürs eigene Revier in Serie. Schnell sprach sich die Funktionalität der stabilen Klappleiter unter Jagdfreunden herum. Erste Aufträge im engeren Kreis folgten. Und es wurden immer mehr. „Mit zwei Leitertypen gingen wir in Produktion“, so Mützky. Der Vertrieb war anfangs nur auf die nähere Umgebung beschränkt. Aber dann hieß es: Aufträge ablehnen oder expandieren. Mützky wagte den Schritt nach vorn. Investierte in Maschinen und Werkzeuge. „In diesem Jahr werden wir etwa 2.000 Klappleitern ausliefern“, sagt er.

Momentan hat der Betrieb mit seinen sechs Mitarbeitern Hochsaison. Die Erntezeit ist im vollen Gange, Drückjagdsaison steht bevor. Die Auftragsbücher sind voll. 80 bis 90 Klappleitern werden jetzt pro Woche in die gesamte Bundesrepublik geliefert. „Wir haben den Umsatz im letzten Jahr verdreifacht“, so Mützky. Zudem fertigt der Betrieb Ansitzböcke, Kanzeln, Baumleitern und fahrbare Einrichtungen.

„Gerade während der Ernte sind tragbare hohe Leitern wichtig“, so Mützky. Hier müsse Sicherheit absolute Priorität haben, sagt er, während er die Bestellung am Computer bearbeitet und an die Produktion weitergibt. Tödliche Jagdunfälle, wie in WuH Heft 10/2010 berichtet, könnten damit vermieden werden, so Mützky und zeigt auf den Artikel, der auf seinem Schreibtisch liegt.

Mützky ist Jäger mit Leib und Seele. Er habe sein Hobby und den Beruf bestens miteinander kombinieren können, sagt er. Seine Mitarbeiter seien gute Handwerker mit Spaß am Hochsitzbau. „Mit diesen Leuten kann man immer wieder neue Wege gehen“, sagt Mützky. Von einer Idee zum Produkt werde zusammen gearbeitet. „Die Hölzer für unsere gesamte Fertigung stammen aus heimischen Wäldern“, so Mützky. Die Leitern werden in Uslar gebaut, in zwei Standartgrößen mit 225 und 270 Zentimetern Höhe, Sondergrößen auf Wunsch. Großkunden sind vor allem Forstämter, die immer öfter die Drückjagdböcke gegen Klappleitern austauschen. Vorteil hier: nach der Jagd können die Leitern eingesammelt und eingelagert werden. Das erhöht die Lebensdauer. Zudem seien Jagdeinrichtungen bei einigen Naturnutzern und Waldspaziergängern nicht gern gesehen. Preislich könne man sich gegen die Mitbewerber aus dem Ausland behaupten, so Mützky. Hochsitz24 bekommt immer öfter den Zuschlag bei Ausschreibungen für Jagdeinrichtungen. „700 Forstämter gibt es in Deutschland, 45 sind unsere Kunden. Viele kennen uns noch gar nicht“, sagt der weitsichtige Unternehmer.

Für Eigenjagden, Pachten oder Inhaber entgeltlicher Begehungsscheine rechne sich diese Jagdeinrichtung ebenso. Bei Preisen ab 119 Euro, komplett montiert geliefert und einer langen Haltbarkeit der imprägnierten Fichten- und Kiefernhölzer, ziehen viele Jäger die Klappleiter einer Marke Eigenbau oder teuren Varianten mittlerweile vor. Die Leiter ist überall einsetzbar.

Mützky und seine Jagdfreunde schwören auf sie. An diesem Abend wollen sie am Weizen ansitzen, am nächsten Tag wird ein weiteres Rapsfeld umstellt. Und das immer auch mit einem sicheren Gefühl. So macht ihm das Jagen Spaß.