Einleitung

Chronik der Stadt Wanfried_Eigentlich von Strauß, aber jetzt mal frei nach Wetzestein:
Okay, ich gebe es zu, diese Chronikreihe über Wanfried ist bloß schnöde abgeschrieben. Aber erstens sage ich es gleich und zweitens hat es mich gereizt, den ollen Text, der wunderbar ist, mal umzuschreiben. Ich verbeuge mich, nur innerlich zwar, aber dafür sehr tief, vor Reinhold Strauß, seines Zeichens Journalist und dann Stadtsekretär. Der hat sie alle zusammengetragen und aufgeschrieben, die ganzen schönen Geschichten über die Zeit, wo es mit Wanfried bergauf ging. Naja, vielleicht nicht mit Wanfried, der Ort bewegt sich ja nicht, aber mit einigen Wanfriedern. Und vielen Zugereisten. Jedenfalls hat jeder in seiner Zeit gekämpft, für die Familie, den Ruhm, das Überleben, gegen die Pest, in Kriegen und mit dem Bewusstsein, dass die Dinge sich eben ändern. Das hat Reinhold Strauß aufgeschrieben und ich versuche es in meinen Worten nachzuerzählen.
1908 schrieb Strauß: „Seiner hochwohlgeborenen, dem Königlichen Kammerherrn, Ritter pp., Herrn Karl Xaver von Scharfenberg auf Kalkhof in Ehrerbietung gewidmet“, warum das so ist, erklärt sich später.
Also, los geht’s: Die Chronik der Stadt Wanfried in Neu und meinen Worten..

Vorwort

Im Jahr 1884 fielen dem R. (A.d.R. Reinhold), die Tagebücher von Kantor Hotzell in die Hände. Der hatte angeblich schon alle wichtigeren Sachen aus den Jahren 1622 bis 1637 aufgeschrieben. Dann fand R. noch ein Verzeichnis aus Leipzig, das die vornehmsten Städte Europas aufzählte. Was soll ich sagen: Wanfried war dabei – ganz vorn – 1616 – kann nachgelesen werden. Donnerwetter! Der Sattlermeister Georg Bressler hatte die Dokumente gefunden und gedacht, da könnte der R. doch mal was drüber schreiben, weil der ja eh schon bei der „Wanfrieder Zeitung“ (Verlag von Gebrüder Kling in Eschwege) arbeitete. Okay, dachte sich der R., dann machen wir das so und veröffentlichte all das, was Bressler ihm gegeben hatte unter: „Gesammelte Nachrichten von Wanfried“. Und das hat eingeschlagen, sag ich Ihnen. Der R. hat so viele Rückmeldungen gekriegt. Dass die Leute das gut finden und selbst auch noch erzählen könnten, was in Wanfried zum Beispiel während der „Franzosenzeit“ los war. Und weil über Wanfried bis dato noch nicht so viel bekannt war, fing R. an, die Geschichten zu sammeln. Also R. ist dann zu den Leuten gegangen, mit Block und Bleistift und hat mitgeschrieben. Und dann noch mal alles in Schönschrift. Per Hand. Der R. hat sich richtig reingekniet, ihn hatten das Schreibfieber und die Neugierde gepackt. Uff, was ne Arbeit
Sein Talent zu Schreiben hat ihm dann wohl die Stelle bei der Stadt verschafft. Ab 8. Mai 1885 war er als Stadtsekretär unterwegs in Wanfrieds Amtsstuben. Und R. dachte: „Wie gut, jetzt kann ich die Chronik fertig machen, wo ich doch ganz nah dran bin an den Akten und Archiven der Stadt.“ Aber Pustekuchen. Nix war mit schnell. Die Verwaltung eben. Da geht’s nix schnell. R. wusste das nur noch nicht. Er war ja vorher Journalist gewesen. Woher sollte er wissen, wie eine Stadtverwaltung arbeitet? Die Akten, die er suchte, waren nicht da oder unvollständig. Im Dreißigjährigen Krieg soll ja viel verbrannt sein, sagt man. Aber, ob man es auch glauben soll? Jedenfalls blieb dem R. nix anderes übrig, als sich in anderen Archiven umzusehen. Recht hatte er. Und wieder kniete er sich rein. Schließlich hatte er energetisch gesehen einen Überschuss, weil er ja bei der Stadtverwaltung arbeitete. Diese überschüssige Energie steckte er in die Recherche, las Chroniken von Thüringen, Hessen, Eichsfeld, Eschwege und Treffurt, forschte in Archiven und Bibliotheken, blätterte in verstaubtem Urkundenmaterial und hatte am Ende ein dürftiges Ergebnis.
Aber dann, sieh an, sieh an, hat mal einer im Rathaus aufgeräumt, weil Bauarbeiten anstanden, und dabei hat man zwei Kisten gefunden. In dieser Stadtverwaltung müssen bis dahin nur Männer gearbeitet haben, denn niemand hatte die Kisten geöffnet, keiner wusste, was da drin sein könnte. Das wäre einer Frau nie passiert! Hundert pro, nie! Obwohl, wenn eine Frau beim Blick in die Kiste alte Dokumente anstelle der erträumten Schuhe gefunden hätte, wäre die auch gleich wieder unter der Treppe verschwunden. Die Kiste, nicht die Frau. Aber jetzt noch mal zu den zwei Kisten. Darin war das Salbuch aus dem Jahr 1558. Huiiii! Und der R. fand Kämmereirechungen von 1610 und Akten aus den Zeit des Siebenjährigen Krieges (A.d.R. 1756 bis 1763). Wow! Und jetzt kam der R. wieder in richtig in Fahrt, denn jetzt hatte er das in den Händen, was er zum Abschluss seiner Chronik brauchte. Aufgepeppt mit mündlichen Überlieferungen vom Apotheker Frobeose und dem Tagelöhner Christan Thomas aus den Freiheitskriegen (A.d.R. 1813 bis 1815), wurde was Passables draus.
Und dann war sie fertig. Aber erst mal nur für die Stadtverwaltung. Der Druck eines Buches war teuer, die Stadt hatte wie immer kein Geld. Verwaltung eben. Da musste erst mal wieder – und das ist heute auch noch so – ein Herr von Scharfenberg ran. Der Karl Xaver hat`s veranlasst und bezahlt. Jetzt standen Druck und Herausgabe der Chronik nix mehr im Weg. Darüber freute sich auch die Stadtverwaltung. Denn das 300. Stadtjubiläum stand vor der Tür, und weil der Karl Xaver das Werk bezahlt hat, hat man es ihm dann „dankenswerterweise“ auch fluchs gewidmet. Bravo!
Doch wie oft bei Autoren der Fall, kurz vor dem Druck, da hat`s dem R. doch ein bisschen Angst gemacht, wegen Urheberrechten, dem Recht auf Vollständigkeit oder Wahrheit und so. Darum hat er großen Wert auf Fußnoten gelegt – heute übrigens wieder schwer im Trend – und darauf hingewiesen, dass er einfach mal „in chronologischer Reihenfolge und mit schlichten Worten die wichtigsten Ereignisse unseres schönen Werrastädtchens aufschreiben wollte.“ Besser hätte ich es nicht sagen können. Super Reinhold! Und darum zitiere ich ihn auch im letzten Satz des Vorwortes ganz sauber: „Möge sie überall freundliche Aufnahme finden.“

Wanfried, im Juni 1908“ Reinhold Strauß, Stadtsekretär

Wanfried

Und jetzt geht’s wirklich los.

Wanfried

Also, komplizierter geht’s kaum. Wegen einem „n“ zuviel so ein Theater. Bürokratie lässt grüssen. Und das am 15. April 1898. Da hat der Königliche Regierungspräsident aus Kassel (A I 2184, Amtsblatt Nr. 17) gesagt: „Schluss mit Wannfried, ihr heißt jetzt Wanfried!“ Und davor hieß es: Heiß ich Wennefrieden, Uanofrieden, Uanenreodun oder Uanenrieden? Alles Namen des Ortes an der Werra. Des Ortes schlechthin. Wanfried, der Nabel der Welt. Und auch, wenn sich der Name so oft geändert hat, der Standort war seit „grauer Vorzeit“ immer derselbe. Wanfried liegt auf der Grenze des großen thüringischen Gaues Germarmark und des thüringischen Westergaus. Das hat R. aus der Geschichte der Stadt Eschwege herausgeschrieben. Neben Heldra und Hone soll es einer der ältesten Orte Niederhessens sein. Der Name wird schon 860 im Urkundenbuch der Stadt Mühlhausen und Archiven in Fulda und Marburg erwähnt. Gericht wurde an vier Tagen im Jahr im Bilstal abgehalten, unterhalb der Burg Stein bei Lengenfeld-Stein. Da wurde den Spitzbuben ordentlichst der Prozess gemacht. Während man heute Monate und Jahre auf einen Gerichtstermin warten muss, waren die Gerichtstage damals fest vorgeschrieben. Am St. Marcus, 25. April; St. Johannis, 24. Juni; Michaelis, 29. September und der Martinstag, 11. November.
Im Jahr 1655 schrieb jemand in einer Frankfurt am Main gedruckten Chronik: „eine fürstlich niederhessische Stadt, an der Werra eine halbe Meile unter Treffurt, soll vom heiligen Bonifatius den Namen haben.“ Der, so wurde mal erzählt, soll dort auch gewohnt haben, ehe er sich nach Mainz abgesetzt hat. Und weil er Winfriedus hieß, wurde der Ort von Alters her Winfrieden genannt. Es gibt auch eine Fabel, nach der Wanfried aus zwei Wörtern zusammen gesetzt wurde: „Wann“ und „Fried“ oder quando pax. Wegen der Schifffahrt ist es ein lustiger Ort, (gewesen :-)) wo viel Waid und Frucht aus Thüringen angeliefert und über die Weser hinab verschifft wird. Der Ort war nie mit einer Mauer umschlossen, (aber später von einem Maschendrahtzaun). Der Landgraf Moritz hat einen Wall, sechs Bollwerke und trockene Gräben bauen und buddeln lassen. Wanfried hat ein fürstliches Schloss und Amthaus, an dem nur der unterste Teil aus Stein, das obere Stockwerk Holz ist. Im Jahr 1640, am 25. Januar, gab es einen grauenhaften starken Sturm, bei dem sich ein Stück Berg von der Plesse, eine viertel Stunde von Wanfried entfernt und etwa 60 Ellen hoch, heruntergefallen war. Erde, Sträucher, Bäume, alles was im Weg stand, stürzte auf einer Breite von vierzig Schuh auf den Grundweg herunter. Das Amt Wanfried besteht nur vier Dörfern, hat aber viele Edelleute. Die Stadt soll also den Namen vom alten Bonifatius haben. Der Apostel der Deutschen, Winfried Bonifacius, wurde sogar im Stadtwappen verewigt. Die Inschrift: „St. Bonifacius fundator Civitatis Wanfriedae“, heißt, und diese Übersetzung wird mir mein Lateinlehrer Ludwig jetzt hoffentlich verzeihen: St. B. Gründer des Staates Wanfried. (jedenfalls laut google-Übersetzer. Civitatis heißt aber auch Zustand, dann könnte das auch heißen: St. B. Gründer des Zustandes Wanfried, des Wanfrieder Zustandes oder so. Damit wäre dann wohl auch klar, wer für den Zustand Wanfrieds zuständig ist.)
Dazu gibt es auch Sagen aus alten Geschichtsbüchern und Chroniken: Die Thüringer Nachbarn schreiben, dass so um 717 ein Engländer, der Wunefried hieß, nach Deutschland gekommen wäre, um das Evangelium den Friesen, Hessen und vielen anderen zu predigen. So kam er nach Wanfried. Dort baute er eine kleine Kirche, die er St. Vitus weihte. Erst ein Jahr später baute er die Kirche auf dem Hülfensberg. 719 beauftragte er den Bau weitere Kirchen entlang der Werra. Die fleißigen Wanfrieder bauten um die Kirche herum immer mehr Fachwerkhäuser (heute von den Niederländern schwer begehrt). Den Ort nannten die Leute nach dem Engländer Wunefridt.
Die Sächsische Chronik schreibt: Während einer Predigt des heiligen Bonifatius, vor vielen Zuhörern auf dem Hülfensberg, soll er mit Blick auf das herrliche Werratal gesagt haben: „Wann doch Friede schwebte über dieser Aue!“ Danach sollen die Ortsnamen Wanfried, Frieda, Schwebda und Aue entstanden sein.Der Geschichtsschreiber Schlosser schrieb, dass Karl der Große, auf der Flucht vor den Sachsen, bei Treffurt über die Werra zog. Das war 778 und während die Sachsen, angeführt von Wittekind, sich schon in Sicherheit über ihren Sieg wähnten, machten die Franken kehrt und verkloppten die Sachsen derart, dass die geschrien haben sollen: „Friede, Friede, wann dann Friede!“ Verkloppen ist hier nicht der richtige Ausdruck. Sie haben sie niedergemetzelt, alle kalt gemacht, abgemurkst. Für die Sachsen schlecht, aber für Wanfried gut, weil der Ort daher seinen Namen haben soll. Und das Gemetzel hatte auch den Namen für Schwebda abgeworfen, weil man die „Sachsen in ihrem Blute schweben“ sah, kurz Schwebda.
Die Chronik von Thüringen schreibt, dass Karl der Große die Schlacht bei Treffurt für sich entscheiden konnte, dann in Wanfried eingekehrt, gegessen und getrunken hat und sich wahrscheinlich auch von den Wanfriederinnen hat verwöhnen lassen. So wie seine Truppen auch. Sei es drum. Frischfleisch gegen frisches Blut. Jedenfalls soll das Heer sein silbernes Kreuz, das ihm in der Schlacht Glück gebracht hatte mitsamt einer Steinkirche dem Hülfensberg spendiert haben. Da müsste das noch stehen. Einfach mal nachsehen.
Eine alte Eichsfelder Chronik schreibt, erst hat der Bonifatius die Eiche gefällt, dann den Hülfensberg verlassen, dann in Wannefriede gewohnt und dann ist er Bischof von Mainz geworden. Er soll im Jahr 726 die Kirche in Treffurt und in derselben Zeit das Kloster in Großburschla gebaut haben. Man war der Mann busy. Ob Bonifatius wirklich in Wanfried war und das alles gemacht hat, weiß der Geier, Geschichtsforscher jedenfalls streiten sich um diese Geschichten, viele sagen sogar: „nö, alles Quatsch“, andere halten es aber für durchaus möglich, dass er im Werratal war, weil in einem Bericht eines Kumpels der Ort Geismar genannt wird. Und zwar an der Grenze von Hessen und Thüringen im Eichsfeld. Volltreffer.
Der Hülfensberg wurde übrigens auch Mont Stuffo genannt. Weil er so alleine in der Gegend rumsteht, mit einem Berggipfel, von dem aus man weit ins Land hineinsehen kann. Als heidnische Opferstätte geradezu perfekt. Jedenfalls gibt es keinen Grund, warum Bonifatius nicht in Geismar eine Eiche gefällt haben sollte, nur weil Fulda das für sich beansprucht, ist da noch lange kein Beweis. Außerdem sind das Werratal und Wanfried auch schon damals so bekannt gewesen, dass nicht mal ein Bonifatius drum rum kam, da mal hinzugehen. Ein fruchtbares Tal, der Hafen, die Nähe zu einer viel besuchten Opferstätte, schon allein darum war Wanfried für eine Ansiedlung perfekt. Und außerdem weiß R. noch:
1. …, dass es einen Mainzer Hof hier gegeben hat, auch wenn Kur-Mainz keine Besitzung hatte, jedenfalls gibt’s darüber keine städtischen Urkunden. Bei der Aktenführung kein Wunder.
2. Außer den Bonifatiuskirchen auf dem Hülfensberg, in Treffurt und Großburschla gab es auch noch eine in Forste bei Schwebda. Das Dorf ist allerdings nicht mehr. Forste ade.
3. Es gibt Quellen, die sind nach Bonifatius benannt, auf dem Hülfensberg, in Heldra und Bebendorf.
4. Dann gibt’s da noch den Festumzug am Hülfensberg anlässlich dem Hülfenstag. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, ähnlich wie beim Wanfrieder Schützenfest. Aber es gibt eine von Alters her überlieferte strenge Anordnung der Fahnen. Und in der Mitte des Festumzuges wurde bis 1870 noch eine große Lücke gelassen. Angeblich, weil die Reihenfolge dieselbe sein soll, wie zu den Zeiten, als sie sich zum Christentum bekannt haben. Die Lücke ist für die vier hessischen Gemeinden, die zum Luther übergelaufen waren, darunter Wanfried. Wie immer Extrawurst, Abtrünnige. Auch wenn der Bonifatius als Werbeträger echt ne gute Figur abgibt, er vielleicht hier wohnte und wirkte, ist es aber auch möglich, das der Name der Stadt irgendwo anders herkommt. Das Fischerdorf Wanfried hat schon lange vor Ankunft des Apostels bestanden. Aber auch da kann sich keiner mit der felsenfesten Meinung des anderen abgeben.
Aber eins steht fest: Bis zum Jahr 1897 schrieb man Wannfried. Die faulen und modernen Leute schrieben Wanfried, die Amtsleute Wannfried. Der Regierungspräsident machte dem Theater ein Ende und strich ein „n“. Dann begann man im Rathaus nach der alten Schreibweise zu suchen. Es gab sogar Gutachten, die wie so oft nix aussagten.
Landesbibliothekar Dr. Lohmeier aus Kassel: „Es ist nicht möglich zu sagen, welche Schreibweise richtig ist. Ich empfehle die mit einem „n“.“
Landesbibliothekar Dr. Seelig aus Fulda: „Der Ortsname ist mit „nn“ zu schreiben.“
Superintendent Wolff aus Eschwege kommt zum selben Ergebnis.
Archivar Dr. Könnecke aus Marburg: „Ich habe die Schreibweisen ab 1015 studiert. Die älteste ist die mit „n“, das „nn“ kam erst Mitte des 17. Jahrhunderts. Jetzt könnt ihr euch aussuchen, wie ihr es haben wollt.“
Professor der deutschen Sprache und Literatur Dr. Edward Schröder aus Marburg: „Ich weiß nicht, wo der Name herkommt. „nn“ ist alt. „n“ ist modern.“
Pfarrer Ebert aus Reichensachsen: „Ich habe in alten Urkunden gesehen, dass es mit „n“ geschrieben wurde.“
Königlicher Gymnasialdirektor Dr. Schmidt aus Schleusingen: „Die Schreibweise mit einem „n“ ist wohl richtig. Kurz gesagt, wenns genau untersucht werden soll, brauch ich noch ein paar Jahre.“
Arnold: „Der Name bedeutet Hege, Einfriedung eines Siedlers Wino oder eines Mannes mit ähnlichem Namen. Kann auch sein, dass der erste Teil des Namens mit dem althochdeutschen Ausdruck für Weide (Wun) Uanofriedem steht.
Dann gibt’s noch Leute, die sagen, Wanfried sei wendischen Ursprungs, weil der Ort, wie Eschwege auch, zur Wendischen Mark gehörte. Die ging bis Jestädt, über Teile des Eichsfeldes, bis nach Heiligenstadt. Das alles sind Orts- und Flurnamen mit wendischem Ursprung. Die zweite Hälfte „fried“ ist klar. Einfriedung, Umzäunung. Aber die Meinungen gehen bei der Silbe „Wan“ total auseinander. Die einen sagen, es könnte „ohne“ heißen. Ohne Wälle und Einfriedungen und damit ohne Schutz. Dagegen bedeutet Frieda eingefriedet mit Mauer, Wall oder ähnlichen Schutzvorrichtungen. Die anderen behaupten gerade das Gegenteil. Und das ist in Wanfried heute noch so. Eigentlich hielten die Stadtoberhäupter an der ollen Schreibweise nur fest, weil Landgraf Moritz von Hessen-Kassel auf der Stadtrechteurkunde Wannfried , den 13. August 1608, geschrieben hat. Und als dann einer mal genauer hinsah, erkannte er, dass in der Urkunde mal mit „n“ mal mit „nn“ geschrieben wurde. Denen war es also auch egal. Und dann der Durchbruch. Die Stadtverwaltung ließ die teuren Gutachten und einfach alle Meinungen unbeachtet und entschied zeitnah: „n“ ist modern. Also: WANFRIED.

Uff, und jetzt nach so vielen „nnnnnnnnnnnn“ geht’s in die Zeit 874 bis 1385…

874 bis 1385

874 wird das Dorf Großburschla in Urkunden genannt und geschrieben, dass es wie Wanfried und Treffurt an der Werra liegt.
969 wird das Kloster in Großburschla von Weinharius, Abt aus Fulda, mit einem Münster umfunktioniert.
1247 werden die Kragenburg und die Burg Heldrastein von Treffurtern, Wanfriedern und Eschwegern gebaut.
1249 müssen die Burgen wieder abgerissen werden.
1293 wird Wanfried, was zu Thüringen gehört, an Nürnberg verkauft. Verkäufer: Landgraf Albert der Entartete, Käufer: Kaiser Adolf von Nassau.
1306 kauft Landgraf Heinrich I. die Burg und das Dorf Wanfried den Thüringern ab. Wanfried ist damals unter verschiedenen Edelleuten aufgeteilt. Und weil der Heinrich I. einmal mit Adelheid von Braunschweig und dann mit Mathilde von Kleve verheiratet war, hat er drei Söhne aus zwei Ehen. Wanfried kriegt der Johannes, Sohn von Mathilde, geschenkt. Heinrich und Otto aus erster Ehe kriegen was anderes zum Spielen.
Zur Burg gibt’s noch was Interessantes. Die stand an der Stelle, wo heute das Landgrafenschloss ist. Da sind noch Überreste des alten Residenzschlosses zu sehen. Der Wassergraben zum Beispiel, wo der Gatterbach durchgeflossen ist, bevor man ihn 1902 in einen Kanal gezwängt hat. Der Gatterbach fließt ja Bei der Grube unsichtbar unter der Straße lang. Man kann sich aber vorstellen, wie er einst die Wassergräber des Schlossen umspült hat. Romantisch war das. War das…
1308 und zwar am 21. Dezember stirb Heinrich I., der auch der erste Landgraf von Hessen war und „das Kind“ genannt wurde. Übrigens war der ein Enkelsohn der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Ihre Tochter Sophie, geboren 1224, heiratete Heinrich II. Herzog von Brabant . Die beiden haben 1244 den Heinrich I. gekriegt. Damit ist die Heilige Elisabeth die Stammmutter des Hauses Hessens und irgendwo auch Wanfrieds.
1311 genauer gesagt am 18. Februar stirbt der Wanfried-Besitzer, Landgraf Johannes von Hessen. Und weil der es nicht auf die Reihe gekriegt hatte, Kinder zu zeugen, geht Niederhessen mit Wanfried an den Landgrafen Otto, seinen Halbbruder.
1328 am 17. Januar stirbt Landgraf Otto von Hessen. Und jetzt kommt endlich mal was in Gang. Der Landgraf Heinrich der Eiserne übernimmt Wanfried. Im selben Jahr wird der Ort von Hermann II. von Treffurt überfallen und geplündert. Im nächsten Jahr wird das böse gerächt. Wir lassen uns nix gefallen! Unter Friedrich II. von Spangenberg wird die Burg Normannstein erobert und Hermann II. muss einen Burgfrieden schließen.
1333 sind die Herren von Treffurt immer noch hinterlistige Grenzübertreter. Die machen dauernd Überfälle auf hessische, thüringische und mainzer Gebiete. Und weil das die Fürsten von Hessen und Thüringen total satt haben, wird Treffurt im Frühjahr 1333 kurzerhand belagert und erobert. Dem Hermann II. wird seine Besitz für „verlustig“ erklärt, was für ihn nicht so lustig war, wie sich das jetzt anhört. Die sagen: „Hier, alle deine Sachen sind jetzt verlustig. Und gehören jetzt lustigerweise mir.“ Dann werden die Stadt Treffurt und die Burg Normannstein unter den lustigen Fürsten aufgeteilt, die dem Hermann seinen Besitz abgeluchst haben.
1334 kommt Hermann II. aber nach Treffurt zurück. Total sauer ist der noch. Klar, dass der sich das nicht gefallen lassen kann. Von wegen verlustig. Kurzerhand, nach viel Hauen und Stechen, besetzt er die Stadt und die Burg wieder. Dabei hat er die Türme des Klosters Burschla kaputt gemacht, was die anderen ziemlich geärgert hat.
1336 und zwar Mitte September, wird Treffurt schon wieder angegriffen und zerstört. Erzbischof Balduin und Friedrich der Ernsthafte reißen sich die Stadt und die Burg und ihre schwarzen Fingernägel. Friedrich II. von Spangenberg kriegt dabei einen Pfeil ins Auge und ist total schwer verletzt. Man bringt ihn nach Wanfried, legt ihn im Hospital St. Nicolai ab und da stirbt er dann, von allen verlassen. Wegen Pflegenotstand.
1342 gibt’s eine große Überschwemmung durch die Werra.
1346 stürzt Hermann II. von Treffurt vom Heldrastein. Ganz gefährlich von einem steilen Felsen. Und weil er sich selbst wundert, warum er den Sturz überlebt hat, geht er für den Rest seines Lebens ins Cyriakuskloster nach Eisenach. Da stirbt er ein Jahr später. Vielleicht ist das Leben im Kloster gefährlicher als der Sturz von einem Felsen.
1348 gibt’s ein schreckliches Erdbeben, die Pest bricht danach aus.
1373 wird ein Erdverbrüderungsvertrag zwischen Hessen und Thüringen geschlossen.
1375 da hat am 7. April Otto der Schlimme und Herzog von Braunschweig, um seinem Namen gerecht zu werden, Eschwege aufs Korn genommen und gestürmt. Die Eschweger haben sich natürlich gewehrt und Ottos Heer verkloppt was ging. Wieder Gemetzel, Scharmützel, Mord und Todschlag. Ritterspiele eben. Auf den Flächen zwischen Aue und Niederdünzebach ging die Schlacht ab und die Leuchtberge sollen deshalb Leuchtberge heißen, weil sie wegen der vielen Toten Leichenberge getauft wurden. Sinnig, Leucht – Leichen, klaro. Da lagen also Berge von Leichen. Igitt.
1376 stirbt Heinrich der Eiserne, sein Neffe Hermann der Gelehrte übernimmt die Regierung. Was sich erst mal unspektakulär anhört.
1385 gibt es schon wieder Krieg. Wieder sind die Fürsten von Thüringen und Braunschweig mit dabei, dann noch die Mainzer, alle gegen den Landgrafen Hermann, das ist gemein. Und die Mainzer haben tatsächlich viele Orte Hessens dabei erobert.

Und weiter gehts mit: 1413 bis 1568…

1413 bis 1568

1413 und zwar am 10. Juni, stirbt wieder mal einer. Diesmal ist es Landgraf Hermann der Gelehrte.
1415 haben die Allendörfer die Faxen dicke und bauen ein Schloss auf dem Ludwigstein. Weil nämlich die eichsfelder Adligen von Hanstein so „raublustig“ sind und die Allendörfer immer auf die Mütze hauen. Also haben die schnell mal ne Burg hochgezogen, naja schnell, am 13 Oktober 1418 war die fertig. (Obwohl, wer kann schon von fertig sprechen? Die sind ja heute noch am bauen.) Unter diesen Angriffen hatten auch Wanfried, Frieda und Albershausen zu leiden, ein Dorf, das zwischen Wanfried und Frieda lag. Und am raublustigsten waren die Heiligenstädter. Da haben wir’s! Die haben die armen Albershäuser immer wieder ausgeraubt und das Vieh geklaut oder vertrieben. Klar, dass die Einwohner davon die Nase irgendwann total voll hatten und das Dorf Dorf sein ließen. Ein paar sind nach Wanfried gezogen, die anderen nach Frieda. Die Gemarkung wurde aufgeteilt, der größte Teil ging nach Wanfried. Darum reichen die Grundstücke der Gemarkung Wanfried heute noch bis an Frieda heran.
1458 stirbt dann in Spangenberg Ludwig der Friedfertige, der Nachfolger vom Hermann dem Gelehrten. Immerhin hatte er 45 Jahre durchgehalten. Alle Achtung! Und jetzt kommt für Niederhessens Regierung: Landgraf Ludwig II. und übernimmt die Macht.
1461 ist es auch der Werra zu langweilig. Sie tritt über die Ufer. Aber dann wird das zur größten Überschwemmung, an die sich die Leute da erinnern können. Alle Häuser an der Werra stehen im Wasser, das reicht sogar bis zum Klosterhof auf der Erhebung, wo heute die evangelische Kirche steht. Und den Eschwegern stand damals das Wasser auch fast bis zu Hals. Jedenfalls bis auf den Altar der Heiligen Geistkirche.
1467 braucht der Ritter Hermann von Hornsberg schnelles Geld, weils die Deutsche Bank noch nicht gibt, verkauft er sein freies Vorwerk in „Wennefried“. Mit allem Zubehör. Ein freier Hof hinter der Klauskirche, Fulung und Wiese jenseits des Wassers ber der Kernerpforte mit allen Gärten und Wiesen, die zum Vorwerk gehören. Hans Bert, Schultheiß aus Witzenhausen, kauft ihm das alles ab.
1470 ausgerechnet am 8. September, am Geburtstag von Maria, bricht in ganz Hessen die Pest aus. Das ist aber auch… blöd, weil die bis zum Jahr 1472 wütet. Das war ein Mist. Leute, die krank werden, müssten gepflegt werden, die Gesunden haben aber Angst sich anzustecken, darum hauen die einfach ab, lassen Eheleute, Kinder oder Alte sitzen und machen einen Schuh. Darum sterben viel mehr Leute, als es bei einer Pest üblicherweise sein müsste. Dabei sind die Eltern am Anfang noch alle durch die Gegend gelaufen und haben gerufen: „Sammelt Pempernel! Sammelt Pempernel!“, daraus hätten die einen Tee machen können, der die Krankheit angeblich heilen konnte. Aber die sind einfach abgehauen. Und weil nix schlecht genug ist, als das es für irgendwas gut ist, haben die Eixfeller (Eichsfelder) danach die Pest-Prozessionen gemacht. In Lengenfeld u. Stein wird bis heute am 8. September diese Prozession bis zu dem Haus durchgeführt, in das die Pest nicht einzog und die Seuche ihre Wendung nahm. „A Peste fama et bello“, singt der Priester un die Gemeinde erwidert: „Libera nos, Domine“. Dann geht’s zurück in die Kirche.
1471 stirbt dann der Ludwig II. von Niederhessen. Ach so, am 8. November, wollte ich noch schreiben.
1472 kommen die Raublustigen wieder ins Spiel. Die Heiligenstädter überfallen Jestädt. Saubuam. Aber die Eschweger haben denen das dann wieder abgeluchst. Schlaumeier.
1479 irgendwer hat Witzenhausen angesteckt. Die Stadt brennt am 4. Oktober ab. Ist aber heute wieder da.
1483 am 13. Januar stirbt der Landgraf Heinrich III. in Marburg.
1491 am 25. Juli fegt ein heftier Orkan über Wanfried. Da sind Viecher und Menschen bei drauf gegangen.
1493 am 3. Juni verzichtet Landgraf Wilhelm I. zugunsten seines jüngeren Bruders Wilhelm II. auf den ersten Platz in der Landgrafenhitliste.
1509 ist dann Schluss mit Wilhelm II. Der ist tot am 11. Juli und hat aber vorher noch einen Philipp den Großmütigen in die Welt gesetzt.
1524 hat es Paul Walter geschafft, das Walterliche Lehn- und Freigut zu kriegen. Er ist seit dem freier Bauer und muss keine Abgaben leisten. Darüber freuen sich heute der Wilhelm, die Margret, der Johannes und die Grille.
1527 wird Hessen reformiert.
1530 wird die Reformation mal kurz durchgeführt. Das ist nicht so einfach wie heute. Der Pfarrer muss ins Kloster gehen. Seine Stelle hat ein Mönch aus Schmalkalden übernommen. Aber die Katholen haben sich nicht vertreiben lassen. Schon 1556 wird ein Gottesdienst erwähnt, der in der Schlosskapelle gehalten wird. Aus der Zeit stammen auch der Eselstieg von Hildebrandshausen nach Wanfried und der Neckname die „Unrechten“ für Altenburschlaner. Die hatten einfach mal ne andere Meinung zur Reformation. Darum benutzten die auch einen etwas abgewandelten Katechismus, um den Kindern den Glauben einzutrichtern. Wenn sich dann der Pfarrer in anderen Orten verplapperte und aus dem unrechten vorlas sagte er: „Ach, das ist der unrechte, der gehört nach Altenburschla.“
1533 werden Kloster und Kirche von Katharinenberg von Wiedertäufern zerstört. Das Kloster befand sich an der Stelle, wo heute ein Gutshof ist. Dabei wurde auch die Wallfahrtskapelle St. Jacobus zerstört.
1536 Am 11. November nehmen die Knechte vom Landgrafen Philipp zu Hessen – unter Mithilfe von Wanfriedern und Treffurtern – den Mühlhäusern 7 Wagen und 21 Pferde ab. Die hätten sich den protestantischen Lehrern widersetzt und die weggejagt. Das konnten die anderen dann so nicht stehen lassen und schlugen hart zurück.
1557 macht der Philipp von Hessen mal ein Testament. Es ist das erste seiner Art. Darin wird die Landesteilung nach seinem Tod geregelt. So kommt Wanfried dann zum Rotenburger Quart und wird späater der Linie Hessen-Rotenburg zugesprochen. Sigmund von Benneborgh und Valten Teulle verleihen im Auftrag den Landgrafen Philipp von Hessen Herrn Peter Kleinhanst eine Mühlhütte und ein Stück Land gegenüber der Stelle, wo die Pferde getränkt werden. Auf dem Wehr soll er eine Mühle bauen, wo heute das E-Werk steht.
1567 stirbt dann auch der Philipp der Großmütige. Erst 1899 wird ihm dann in Kassel endlich ein Denkmal gesetzt.
1568 wird der Schützenverein gegründet. Der hat dafür zu sorgen, dass Ruhe und Ordnung im Ort herrschen. Und der Ort von Gesindel verschont bleibt. Der Gildemeister bekommt ein wertvolles Abzeichen zum Zeichen seines VIP-Daseins, und das ist so wertvoll, dass es im Rathaus aufbewahrt wird. Aber als der Tilly, Anführer der gleichnamigen Truppe, in Wanfried vorbei schaute, hat er das einfach mal mitgenommen. Jetzt isses weg.

Es folgt die Geschichte über den genialen Peter Dorfheilige. Das Jahr 1576.

1576 über einen genialen Poeten

History News – Petrus Paganus in den Adelsstand erhoben

Wien/Wanfried. Seit 452 Jahren ist es amtlich, aber erst jetzt erreichte die Nachricht Wanfried: Petrus Paganus, hier besser bekannt als Peter Dorfheilige, wurde in den Adelsstand erhoben. Eine Abschrift der Nobilitierung und Wappenverleihung schlummert in Österreichs Staatsarchiv. Die versierte Gästeführerin Carmen Günter hat das jetzt zutage gefördert. „Die Erhebung gilt auch für seinen Bruder Johannes und den ehelich geborenen Söhnen“, sagte sie und hat die Urkunde vom 9. Januar 1561 abgelichtet. Und unter dem 17. Juni 1560 steht über ihn zu lesen: „Hessen kann sich freuen über den Dichter, der aus den Wäldern kam, durch Hessen fließt weit die Visurgis (Wisera – Werra) auf das berühmte Wanfrid zu schwankt sie im Bogen, zügellos fließt sie durch die Landschaft…“, gemeint ist Petrus Vianfriedus Hessus.

Hintergrundkommentar von Diana Wetzestein:
Bevor wir in Wanfried mal was wirklich Wichtiges über jemanden erfahren, ist der meist schon tot. Bei Paganus war das auch so, der ist unter der Erde seit 1576, genauer gesagt, unter der St. Veitskirche. Er wurde nur 44 Jahre alt, aber das hatte seine Gründe:
„Am 29. Mai starb dahier der Professor der Dichtkunst und Geschichte zu Marburg“, heißt es beim Chronisten Reinhard Strauss. Was für ein Anfang, der mit dem Ende beginnt. Der Professor Petrus Paganus war zu Lebzeiten nämlich ein richtiger Star mit Künstlernamen. Er kannte sich so gut in der lateinischen Sprache aus, dass er die Verse aus dem Stegreif hinschmettern konnte. Hinschmettern passt an dieser Stelle deshalb so gut, weil er beim Versemachen meistens so betrunken war, dass es ihn dabei hinschmetterte. Und dann war es auch nicht schlimm, dass keiner seiner Leute mehr das Gefasel verstand, jedenfalls den Wanfriedern war das egal, die konnten eh kein Latein. Er war aber – betrunken oder nüchtern – als guter Versmacher bekannt, genauso wie seine Kollegen Erbanus Hessus und Euricius Cordus und alle anderen lateinischen Poeten des 16. Jahrhunderts.
Paganus wurde am 30. März 1532 in Wanfried geboren, ging in Eschwege zur Schule und wurde zum Weltenbummler. Der hat Belgien, Frankreich, Italien und Österreich (1554 bis 1561) gesehen. In Österreich hat ihm der Kaiser Ferdinand persönlich den Lorbeerkranz auf den Kopf gesetzt oder in die Hand gedrückt und ihn zum Oberdichter gemacht. Fotos gibt’s ja davon leider nicht. Schade, denn das war ja praktisch das Finale von „Der Kaiser sucht den Dichter-Star“, das der Peter gewonnen hat. Die nächste Dichterkrönung gab es erst wieder 1724. Mit der Auszeichnung in der Tasche ist er dann nach Marburg gegangen und hat als Professor der „Beredsamkeit und Dichtkunst“ ab 1561 den Studenten die Ohren voll gequasselt.
Sein Privatleben aber war ein einziges Fest. Locker und leichtsinnig soll er gewesen sein, immer ein Glas Wein in der einen und eine Frau an der anderen Hand. Das soll dann auch zu seinem frühzeitigen Tod geführt haben. Aber kurz zuvor hatte er beschlossen sich zu bessern, die Vielweiberei wollte er gegen eine Ehefrau eintauschen und verarbeitete dieses Vorhaben in seinen Texten von Schwänken und Anekdoten. Aber die Frauen, die noch zu haben waren, wollten den versoffenen Kerl nicht. Ich nehme an, der hatte Mundgeruch, wegen mangelnder Hygiene der Zähne. Als er sich mit dem Singledasein abgefunden hatte, ließ er es sich bis zum Biss ins Gras richtig gut gehen, trank und dichtete viel. Das berühmteste Werk entstand nicht umsonst nach einem Saufgelage bei den Herren des Deutschen Ritterordens in Marburg. Der Dichter war so blau, dass er nur noch mit Hilfe von zwei Studenten auf den Beinen bleiben konnte. Und trotzdem hat er noch Geschichte geschrieben: „Sta pes; Sta mi pes; sta pes, ne labere mi pes! Ni steteris lapides hi tibi lectus erunt!“, heißt: „Steh Fuß; steh mein Fuß; steh Fuß; lass mich nicht ausrutschen mein Fuß! Sonst wird mir der Steinboden zum Bette!“
Nach und nach ist er dann aber doch zur Einsicht gekommen, dass ihm eine Ehefrau vielleicht ganz gut tun könnte. Die Tochter eines Marburger Ratsherren hatte er sich darum ausgesucht. Doch bevor er deren Papa fragen wollte, ob er ihm seine Tochter und deren Mitgift übergeben könnte, wählte er den kurzen Weg und quatsche die Dame selbst aufs Heiraten an. Vorher hat er sich erst mal Mut antrinken müssen und dann kurzerhand in ihr Ohr gefaselt, dass er noch im selben Jahr Irgendeine zum Altar schleppen wolle. Bei 2,6 Promille und ohne ausreichende Mundhygiene war klar: die Frau will den Saufbold nicht. Dem Dichter hat sie dann erst mal erklärt, wo der Bartel den Most holt. Sie hat ihm gesagt, dass er heiraten soll wann und wen er will, denn auch sie würde heiraten wann und wen sie will. Das hat gesessen. Eine bessere Abfuhr hätte der Dichter nicht fangen können. Danach wollte er wirklich nie wieder heiraten. Und das hat er durchgezogen bis zum Schluss.
Der kam dann auch sehr schnell und seine Mutter hat ihn unter der evangelischen Kirche begraben lassen. Jetzt sollen seine Reste ungefähr vor dem von Scharfenberg’schen Familiensitz liegen. Eine Grabplatte gibt’s auch noch. Die hängt im Eingangsbereich der Kirche.

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