Der Luchs ist zurück

Der Luchs im Werra-Meißner-Kreis. Diese Nachricht konnte der Luchsbeauftrage des Werra-Meißner-Kreises, Stefan Boschen, den Jägern des Hegerings Wanfried auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung überbringen. Doch bevor die Jäger den Vortrag des Luchsfachmannes hörten, gedachten sie dem im Sommer verstorbenen Ehrenvorsitzenden Hans-Egenolf Freiherr Roeder von Diersburg, der „seinen Hegering“ viele Jahrzehnte geprägt und unterstützt hatte. Erster Vorsitzender Hubertus Freiherr Roeder von Diersburg erinnerte an seinen „Onkel Hans“, dem der Fachvortrag sicher gut gefallen hätte.

Stefan Boschen, Forst- und Gutsverwalter von Gut Hohenhaus konnte zum Vorkommen des Luchses Gutes vermelden. Laut Hessenluchs gab es 360 Meldungen im Jahr 2010, allein 76 im Werra-Meißner-Kreis. Er sei gesichtet, gefährtet oder gehört worden, erklärte Boschen. In Melsungen gingen die Luchse bereits in Fotofallen, die mit Bewegungsmeldern ausgestattet sind. Bei ihm und einem Kollegen werden Meldungen gesammelt, wenn die einheimische Großkatze mit den Pinselohren und Stummelschwanz im Werra-Meißner-Kreis erkannt wurde. Als Mitarbeiter des Arbeitskreises Hessenluchs ist Boschen einer von zwei Luchsbeauftragten, die durch immer wieder Fortbildungen besuchen, um dann bei Informationsveranstaltungen auch Jäger aufklären zu können. „Jäger müssen die Spuren dieser großen Katzen lesen zu können und sie in ihren Revieren zu akzeptieren“, so Boschen, denn nur so gehe Artenschutz.

„Der Luchs darf nicht geschossen werden, aber er wird oftmals noch als Feind angesehen“, sagte Boschen. Dabei sei der Luchs keinesfalls ein Revier- oder Gatterräuber. Schließlich seien diese als Einzelgänger auf einer Fläche von 30.000 Hektar unterwegs. Beute sind Rehe, Füchse, Waschbären und viele kleine Säugetiere und Insekten. Kontakt zu Menschen und Haustieren meidet der Luchs. Ein Miteinander mit ihm sei ohne Risiko, so Stefan Boschen und verwies auf die Internetseite: www.luchs-in-hessen.de, dort kann sich jeder die Laute, die Spuren und wunderbare Bilder über das Wildtier ansehen, dass seit 1833 als ausgerottet galt und als bedrohte Tierart wieder zurück ist in den Wäldern des Werra-Meißner-Kreises.

Faszination Greifvogel – eine Chance für Mensch und Tier

„Hier beginnt der Prolog über die Jagd mit Raubvögeln verfasst von dem edelsten und gelehrtesten Kaiser Friedrich II.“ Mit dieser Überschrift beginnt das Werk von Kaiser Friedrich II, „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“, der in diesem als Verfasser, Forscher und Liebhaber der Weisheit bezeichnet wird. Er, Kaiser der Römer, König von Jerusalem und Sizilien, wollte damit den Edlen und Mächtigen dieser Erde, den mit Pflichten der Herrschaft belasteten, zeigen, dass durch die Ausübung dieser Kunst wohltuende Ablenkung von ihren Sorgen zu erlangen waren. Die Armen und weniger Vornehmen würden durch ihr Dienen ihren Lebensunterhalt finden und allen würde bei der Ausübung dieser Kunst das Wirken der Natur in den Vögeln offenbart werden. So steht es dort seit dem dreizehnten Jahrhundert geschrieben.
Kaiser Friedrich II war fasziniert von den Raubvögeln, wie die Greifvögel noch lange genannt wurden. Sein Interesse und Beobachtungsdrang an diesen Tieren war derart groß, dass er selbst wissenschaftliche Studien zu diesem Thema erarbeitet hatte. Seine Arbeit und seine Aufzeichnungen waren so detailliert, dass wir davon ausgehen können, in seinem Werk umfangreich und der Wahrheit entsprechende Aufzeichnungen über die Beizjagd zu finden.
Vor 3.500 Jahren wurde die Beizjagd bereits in Asien und Indien ausgeübt. Damals diente diese spezielle Jagdart einzig der Fleischbeschaffung und war nicht mit Privilegien behaftet. Da die Aufzucht, Pflege und Haltung dieser Vögel schon damals sehr zeit- und arbeitsaufwendig waren, weckten diese Vögel sehr schnell königliches Interesse. Die Beschaffung geeigneter Tiere war nicht leicht und die Tatsache, dass die Jagd in erster Linie den Herrschern vorbehalten war, ließen diese Jagdart schnell zu einem Statussymbol werden.
Kaiser Friedrich II, der auch König von Sizilien und Jerusalem war, hatte beste Verbindungen zu den Oberhäuptern der Länder des Ursprungs dieser Kunst, wie er die Falknerei stets bezeichnete. Er war der Falknerei verfallen und arbeitete über dreißig Jahre an seinem Werk, das bis heute zu den größten zählt, die es jemals gegeben hat. Es ist das erste naturwissenschaftliche Standardwerk der Falknerei, ein erster und bedeutender Beitrag zur Greifvogelbiologie und bis heute gültig.
Die Falknerei hat seitdem den Lebensrhythmus der Menschen beeinflusst und brachte auch Künstler dazu, sich diesem Thema anzunehmen. Beizjagdszenen sind auf Gemälden, Fresken und Stichen aller Epochen zu finden. Der Greif auf der Faust eines Mannes war ein Symbol für Reichtum und Macht. Das spiegelt sich über Jahrhunderte hinweg in der Kunst wider. Die Menge an guter und wertvoller Fachliteratur spricht außerdem für sich.
Zu den in Deutschland eingesetzten Beizvögeln gehören bei den einheimischen Arten der Wanderfalke, der Habicht und der Steinadler. Immer beliebter sind mittlerweile auch nicht einheimische Arten wie zum Beispiel der Harrishawk (USA, Mexiko, Peru, Ecuador), der Lanner- (Afrika, Kleinasien, Italien, Balkan) und der Sakerfalke (Osteuropa, Zentralasien), sowie der Rotschwanzbussard (Nord- und Mittelamerika). Diese Arten unterscheiden sich in Haltung, Pflege und Jagdart gar nicht oder nur unwesentlich von den in Mitteleuropa beheimateten Greifvögeln.
Der Falkner bindet früher wie heute den Greifvogel an sich, in dem er ihm immer wieder die Freiheit gibt (Zitat von Horst Stern). Der Vogel, der den Falkner als einen Teil seiner Nahrungsnische ansieht und ihn benutzt, um ohne großen Energieaufwand leicht Beute zu machen, kehrt immer wieder zu ihm zurück, um die Zeit bei ihm zu verbringen, die der Fachmann als Komfortverhalten (Baden, Gefiederputzen, Sonnen, Tagdösen) beschreibt. Diese nimmt ungefähr 99 % des Tages in Anspruch. Das Jagen dient dem Greifvogel meist nur als Protein- und Eiweißbeschaffungsmaßnahme.
Wanderfalke und Habicht fliegen außerdem um zu balzen oder zu schweimen, d.h. in der Thermik zu fliegen. Der Steinadler, den man oft hoch am Himmel kreisen sieht, markiert mit seinem Flug auch seine Reviergrenzen. Dabei benötigt er allerdings in großen Höhen nur wenige Flügelschläge und reduziert damit seinen energetischen Aufwand. Denn ein hoher Energieaufwand bedeutet gleichzeitig mehr Beute machen zu müssen.
Aus dem Statussymbol Greifvogel wurde im Laufe der Jahrhunderte für einige Menschen ein Sport, die Falknerei zu einer Freizeitbeschäftigung. Der bereits bestehende Schutz der Vögel von oberster Warte, hatte für diese Tiere dadurch einen positiven Effekt.
Die geltenden Gesetze und Verordnungen zur Haltung dieser Tiere wurden immer wieder erneuert und den Veränderungen der Lebensräume angepasst.
Ein Falkner muss neben der Jägerprüfung auch eine Falknerprüfung ablegen, hat somit eine doppelte staatliche Prüfungspflicht. In dieser Falknerprüfung werden Kenntnisse überprüft wie: Haltung, Pflege und das Abtragen der Greifvögel; Kenntnis über Greifvögel, deren Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen; Ausübung der Beizjagd; Führung der Hunde; Rechtsgrundlagen; Greifvogelschutz; Beschaffung und Inverkehrbringen von Greifvögeln; Praktischer Teil über Haltung der Greifvögel und Ausübung von Beizjagd. Erst dann dürfen sich die Falkner an dieser Kunst erfreuen.
Ein Vogel muss fliegen, denn dazu ist er bestens ausgestattet. Zu den besten Fliegern zählt der Wanderfalke. Er besiedelt als die am weitesten verbreitete Vogelart der Welt, bis auf die Antarktika alle Kontinente. Sein Flug und seine Anpassungsfähigkeit, aber auch die Medienpräsens zu Zeiten des Insektizides DDT und der Auswirkungen auf den Bestand der Wanderfalken machten ihn zu dem bekanntesten Greifvogel der Welt. Als Felsbrüter bewohnt er gebirgige Landschaften; Steilküsten, aber auch Städte und Industrieanlagen mit ihren künstlich geschaffenen Felsen.
Der Wanderfalke ist ein anpassungsfähiger und hoch spezialisierter Vogeljäger. Seine Nahrung besteht fast nur aus Beute, die er in der Luft erjagt. Bei seinen spektakulären Sturzflügen aus großen Höhen erreicht er hohe Geschwindigkeiten.
Der Wanderfalke wird daher vorwiegend in der Anwartefalknerei eingesetzt, hierbei wird sein natürliches Jagdverhalten ausgenutzt, um Flugwild zu bejagen. Dabei wird auch ein Vorstehhund eingesetzt, der das Wild anzeigt; dem Falken wird die Haube abgenommen und er wird dann zum Steigen von der Faust geworfen. In der Regel steigt er zwischen einhundert und zweihundert Metern hoch und wartet über dem Falkner, bis dieser dem Hund den Befehl einzuspringen gibt und das Wild hochgejagt wird.
Die Geschwindigkeit die der Vogel während des Sturzfluges erreicht, wird durch das Anlegen der Schwingen noch erhöht. Durch einen Stoß mit den Klauen bindet er die Beute bereits in der Luft und geht mit ihr zu Boden. Der Wanderfalke ist ein Bisstöter, der seine Beute erst am Boden tötet.
Der Beizjagd mit Wanderfalken wird heute auch eine wirtschaftliche Bedeutung zuteil. So werden sie vorwiegend auf Flughäfen eingesetzt, um Vogelschwärme effektiv zu bejagen, die den Flugverkehr behindern oder gefährden können. Für die Flugzeugtriebwerke stellt der Vogelschlag (engl. „bird strike“) eine beachtliche Gefahr dar.
Auch die Vergrämung von Rabenkrähen, Möwen und Tauben kann mit dem Einsatz des Falken erreicht werden.
Ein weiterer einheimischer Beizvogel, der auch heute noch häufig zum Einsatz kommt, ist der Habicht. Im Gegensatz zum Falken ist der Habicht ein Grifftöter, der vom Ansitz aus die Beute bejagt. Neben dem Hund dient hier bei der Kaninchenjagd ein Frettchen dem Habicht und dem Falkner als Helfer.
Der Habicht wird gerne in Stadtgebieten, Parks, auf Firmengeländen und Friedhöfen eingesetzt, wo der Gebrauch von Schusswaffen nicht erlaubt oder unmöglich ist. Bei zu hoher Wildkaninchendichte soll so die Gefahr des Ausbruchs von Seuchen wie RHD (Chinaseuche) und Myxomatose verringert werden. Durch die selektive Jagd der Greifvögel, das heißt die Jagd auf krankes oder schwaches Wild, ist eine natürliche Bejagung praktisch immer gegeben.
Der größte und auch anmutigste Greifvogel, der zur Beizjagd eingesetzt werden kann, ist der Steinadler. Mit einer Spannweite von bis zu 2,30 Metern, einem Gewicht von bis zu 6,5 Kilogramm und einer Körperlänge von circa einem Meter bei den weiblichen Tieren, ist er wahrlich der König der Lüfte. Die goldbraune Tönung seines Gefieders brachte ihm den Namen Golden Eagle ein. Sein Flug ist ein Gleiten und Segeln, sein Ruf ein Pfeifen, dass man kilometerweit hören kann. Es ist der Ruf der Freiheit und der eines Einzelgängers.
Der Steinadler ist der einzige Beizvogel, der auf eine Person geprägt ist. Das macht ihn zu einem schwierigen Gefährten, aber gleichzeitig auch zu einer großen Herausforderung.
Dennoch hatte es auch der König der Lüfte in den letzten Jahrhunderten seiner Herrschaft nicht immer leicht. Eine Welle der Verfolgung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen die „Raubtiere“ richtete, machte auch vor ihm nicht halt. Die Adler wurden seinerzeit mit Fangeisen, Giftködern oder Schusswaffen getötet; Jungvögel und Eier wurden aus den Horsten genommen und vernichtet.
Die letzten Exemplare der Steinadler zogen nur noch in den Alpen ihre Kreise am Himmel. Um die Jahrhundertwende stand der König der Lüfte gar am Rande seiner Ausrottung.
Einem für seine Spezies noch rechtzeitiges Umdenken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass er unter Schutz gestellt und somit dieser Welt erhalten blieb. Die Intensive Verfolgung dieser Vögel hat nur wenige Jahre in Anspruch genommen. Dass der Steinadler heute wieder im gesamten Alpenraum verbreitet ist, grenzt an ein kleines Wunder. Dieses konnte nur in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit; durch strenge Schutzbestimmungen; ein Verbot der Bejagung und durch das Wissen einiger Falkner um die Aufzucht, den Lebensraum und die Auswilderung dieser Greifvögel erreicht werden. Sein Bestand hat sich erholt.
Das überlieferte Wissen des Zusammenwirkens von Tier und Natur, aber auch die Faszination Vögel, Herrscher der Lüfte und der Freiheit, an uns Menschen zu binden, hat heute seinen Sinn und seine Aufgabe in der Erhaltung bedrohter Arten gefunden. Somit ist die Falknerei nicht nur eine alte Kunst mit Falke, Habicht und Adler auf wildlebende Tiere zu jagen, vielmehr sind die Falkner zu wichtigen Fachleute geworden, die unverzichtbar dem Schutz der Greifvögel dienen.
Mit der Gründung des Deutschen Falkenordens (DFO) 1923 begann eine neue Epoche der Falknerei. Sie wurde zu einer Wissenschaft über das Verhalten von Mensch und Tier und der Wissenschaft der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Tier, auch als öko-ethologische Wissenschaft bezeichnet. Heute beinhaltet sie die Greifvogel- und Reproduktionsbiologie, Verhaltensforschung, Tierschutz und Tiermedizinforschung, sowie Artenmanagement und Artenschutz.
Unter den Mitgliedern des DFO befinden sich Personen nahezu aller Berufssparten. Unter den Akademikern gibt es auch eine Vielzahl von Tiermedizinern, die sich mit artgerechter Haltung und Greifvogelkrankheiten beschäftigen und wissenschaftliche Erkenntnisse und Neuerungen möglichst zeitnah und effizient umzusetzen versuchen.
Die hohe Kunst der Falknerei oder „De arte venandi cum avibus“, sprich: (Über) die Kunst mit Vögeln zu jagen, besteht darin, sich als Gefährte in das natürliche Verhaltensmuster eines Greifvogels einzugliedern. Dies galt vor mehr als 3.500 Jahren genauso wie es heute noch gilt. Die Kenntnisse über das Leben der Tiere sind von großer Bedeutung und für die Erhaltung der Lebensräume nutzbar.
Wer jemals die Anmut und Eleganz eines jagenden Falken bewundert hat, dessen Kraft und Entschlossenheit, wird die Faszination an den Greifvögeln sicher teilen. Der Moment, in dem der Vogel seinen festen Griff von der Faust löst und abgeworfen wird, lässt den Falkner immer wieder einen kurzen Augenblick vor Erfurcht inne halten. Er fliegt.
Freiheit geben, um die eigene Freiheit zu erlangen bedeutet: Lebensraum schützen und schaffen, um den eigenen Lebensraum zu erhalten. Dies ist die einzige Möglichkeit eine Bindung zwischen Mensch und Tier zu schaffen, die beide zum Überleben brauchen.
„Damit endet das Werk über die Falken, mit denen man beizt“, lautet der letzte Satz der vier Bücher von Kaiser Friedrich II, die er im dreizehnten Jahrhundert gemeinsam mit seinem Sohn Manfred geschrieben hatte und in denen Weißheiten nachzulesen sind. Beide wollten der Nachwelt eine Lehre über die Kunst der Falknerei hinterlassen und hinterließen ihr doch so viel mehr.
Und ganz sicher war die Falknerei mehr als nur eine Ablenkung von den Sorgen eines Herrschers, die sie dazu brachten, dieses Werk zu schreiben. Es war die Liebe zur Natur und zur Kreatur; es war das Wissen um das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier und die Tatsache, dass der Greifvogel dem Menschen durch seinen grazilen Flug das Gefühl von Freiheit und Endlosigkeit geben kann. Je besser Kaiser Friedrich II diese Vögel verstand, je mehr er sich von ihnen auf dem Flug durch die Natur tragen ließ, desto besser verstand er dieses Zusammenspiel der Lebewesen.
Der sehr weit vorangetriebene Schutz der Greifvögel zeigt einmal mehr, dass die Verantwortung für die Erhaltung der Lebensräume, mit dem überlieferten und erlangten Wissen durch die Falkner frühzeitig übernommen, zum Erfolg führten.
Jedes Jahr werden utopische Summen an Geld investiert, um virtuelle Scheinwelten zu schaffen. Sogar ein „second life“, ein zweites Leben kann sich der Internetnutzer bereits nach seinen Wünschen kreieren. Das Interesse an diesen virtuellen Welten ist um ein Vielfaches höher, als das an unserer realen Welt. Dabei wäre es höchste Zeit für ein Umdenken und die Bereitschaft, mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel in die Lebensräume der Tiere zu investieren, denn diese Welt gibt es nur einmal. Ein zweites Leben, wie im Internet vorgegaukelt, gibt es nicht.
Erschienen in: Die neue Neudammerin (Verlag Neumann-Neudamm 2007)

In der Vergangenheit gab es Persönlichkeiten wie Kaiser Friedrich II, der durch seine Faszination an den Greifvögeln Menschen aufmerksam und neugierig gemacht hat. Wenn es heute jemandem gelänge, das Interesse am Natur- und Artenschutz auf gleiche Art zu wecken, wie das an einem virtuellen zweiten Leben, wäre es für uns alle wahrhaftig eine großartige Investition in unsere Zukunft. Und eine Chance.

Frisch von der Leber

„Der Wecker fiept halb Sieben, Unheil nimmt seinen Lauf“, so beginnt ein Lied von Reinhard May und so beginnt bei mir jeder Tag. Ich stehe schnell auf, denn der Hund muss in den Garten. „Los! Raus!“, fordere ich ihn auf und er folgt mir sogar. Guter Hund. Ich habe die Zahnbürste noch im Mund, als ich ihn bellen und toben höre. „Aus! Pfui! Lass Nachbars Katze!“, schreie ich und muss letztendlich meine Hundepfeife einsetzen. Jetzt sind auch die Kinder wach. Zuerst wird aber der Hund versorgt und ich habe schon meine zweite Socke an, immerhin nach einer halben Stunde.

Jetzt versuche ich, meinen Dreien, mit einem Lächeln im Gesicht, die Schule schmackhaft zu machen. Ohne großen Erfolg, vielleicht ist es noch zu früh am Morgen? Zwischen Müsli rühren, Ranzencheck und Brote schmieren, zieh ich mir eine Hose an und merke, dass der Gürtel fehlt. Im Moment habe ich keine Idee, wo der wieder sein könnte. Aber jetzt muss es erst mal so gehen. Ein Blick auf die Küchenuhr lässt mich aufschrecken: „Ab raus! Wir sind zu spät! Alle in den Wagen und Sitz!“, rufe ich und die Kinder folgen.

Ich schleppe noch drei Ranzen hinterher und versuche rauszuholen, was geht. Einen Kuss für jeden, bringt mir den Satz ein: „Du bist so peinlich, Mama.“ Aber das muss noch drin sein, bevor ich durchatmen kann.

Denn jetzt muss die Wäsche in die Maschine, dabei komme ich am Spiegel vorbei und sehe, dass ich mein T-Shirt links herum angezogen habe. Wirklich peinlich. Der Anblick des Frühstückstisches ruft mir folgenden Spruch ins Gedächtnis: „Kinder kommt, hier haben Menschen gehaust!“, sagte die Bache zu ihren Frischlingen.

Bei dem Gedanken treibt es mich ins Revier. Ich springe aus den Birkenstocks in die Gummistiefel, nehme meinen Hund an die Leine und die Astsäge mit, bevor ich losfahre.

Wenige Augenblicke später schon lege ich den Hund an der Aluleiter ab, die ich im letzten Sommer gegen die Angriffe der Schwarzkittel am Weizen aufgestellt hatte. Der Baum braucht dringend einen Radikalschnitt und so mache ich mich an die schweißtreibende Arbeit.

„Maul spitzen reicht nicht! Gepfiffen muss werden!“, waren die Worte meiner Großmutter, die mir zu dieser Arbeit einfallen. Ich muss lachen über diesen Ausspruch. Während einer kleinen Verschnaufpause drehe ich mich um und sehe, dass die Schweine heute Nacht wohl schon einmal nach der heranwachsenden Frucht gesehen haben. Man haben die gebrochen! Da kommt mir die Idee, die Aluleiter so zu platzieren, dass mir die eine oder andere Sau zu Opfer fallen könnte. Schnell ist ein guter Platz erspäht und ich denke noch, wie einfach es wird, die Leiter umzustellen, als ich sehe, dass sie noch angekettet ist und weiß, dass der Schlüssel zu Hause im Schlüsselkasten hängt.

Ich ziehe meine Hose ein kleines Stück hoch, dieser fehlende Gürtel macht mich krank und sehe mir die Sache mit der Kette einmal genauer an. „Schweine musst Du jagen, wenn der Mond keine Schatten wirft“, sagte mein Großvater immer. Heute Nacht war Vollmond und dann, wenn der Mond ganz oben steht, gehe ich raus. Ganz sicher mache ich das, und deshalb muss die Leiter jetzt umgestellt werden.

Mein Blick fällt auf die Astsäge und ich sage mir: „Nein, nicht so! Nicht jetzt! Das wäre Wahnsinn!“, aber schon fange ich an zu sägen und zu pfeifen. Nach fast einer Stunde habe ich es geschafft. Der Baum ist ab, die Leiter frei und ich schwöre mir, das nächste Mal eine Motorsäge mitzunehmen.

Als Entschädigung darf ich gleich mal Probe sitzen. Das passt, gut gemacht.

Wieder renne ich der Zeit hinterher. Die Kinder haben schon Schule aus und ich muss noch kochen. Deshalb werfe ich alle Werkzeuge in den Wagen, springe rein und fahre los. Auf halber Strecke fällt mir mein Hund ein, den ich unter der Leiter abgelegt hatte. Also, wieder zurück, der muss mit nach Hause.

Während ich Kartoffeln schäle und immer noch nicht weiß, was es dazu geben soll, klingelt es an der Tür. Ein Jagdfreund steht davor und erzählt mir von einem reifen Bock, den er noch am 30. April in unserem Revier gesehen hat. Seiner Erzählung nach war es eher ein Hirsch als ein Bock, aber das ist ja erlaubt unter Jägern. Er will sich erkundigen, ob Platz ist, im Kühlhaus für dieses Wildbret und wir gehen eben nachschauen. Als ich die Tür öffne bin ich erleichtert und sage: „Da ist er ja!“ und er sagt: „Ja, genau! Das ist er ja!“

Mein Gürtel hing noch am Gehörn des reifen Bockes, den ich gestern, am 1. Mai, von der Leiter aus erlegt hatte. Und da fällt mir der Spruch meiner Mutter wieder ein: „Wenn Du Deinen Bock nicht am 1. Mai erlegst, kriegst Du ihn nicht mehr!“ Wie wahr, wie wahr. Ich nehme die Leber und brate sie kurz an. Die schmeckt herrlich zu Kartoffeln!

Erschienen in: Wild und Hund 2005

Leiter Express

Aus der Not zur „sicheren“ Geschäftsidee. Sören Mützky baut die vielleicht besten Leitern Deutschlands (erschienen bei Wild und Hund, Ausgabe 18/2010) 0008 Uslar.
Der Mähdrescher dreht im Rapsfeld seine Runden. Staubwolken wirbeln auf. An das monotone Geräusch der Landmaschine haben sich die Sauen längst gewöhnt. Sören Mützky (39) steht am Rand des Ackers. Auf einer Ansitzleiter, etwa 2,50 Meter über dem Boden. Die Büchse zeigt nach unten in Richtung Waldkante. Für ihn gut sichtbar, seine Jagdfreunde Thomas Friedrich (45) und Mathias Figge (51). Auch sie stehen auf Leitern, mit Blick über den Raps. Dann bricht ein Schuss. Matthias hat einen Überläufer beschossen, der liegt im Feuer. Die Anspannung steigt. Landwirt und Jagdaufseher Mario Holz signalisiert vom Mähdrescher aus, dass da noch mehr drin stecken. Dann geht alles ganz schnell. In zwei Richtungen versuchen die Sauen hoch flüchtig den Raps hinter sich lassen. Jeder Schütze kommt zu Schuss, am Ende liegen vier Stücke auf der Strecke.

Dreizehn Uhr. Sören Mützky hat vor einer Stunde sein Büro in Uslar-Verliehausen verlassen. Das 450-Einwohner-Dorf liegt zwischen bewaldeten Anhöhen, Pferdekoppeln und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Das Wetter an diesem Tag ist unbeständig, Regen und Sonne wechseln sich ab. Mützky ist unterwegs ins Revier Schoningen, wo Mario Holz immer noch Raps drischt. Auf seinen Feldern stehen außerdem Mais, Weizen und Rüben. Wildschaden vorprogrammiert. Mützky, Unternehmer und flexibel in seiner Arbeitszeit, ist fest eingeplant, wenn es um Wildschaden-Bekämpfung geht. Das eigene Waldrevier hat er im Landkreis Göttingen vor sechs Jahren gepachtet.

„Gestern waren zwei Rotten im Raps“, sagt Mützky. Heute will er demonstrieren, dass eine Erntejagd mit Ansitzleitern nicht nur erfolgreicher ist als ohne, sondern auch sicherer. Auf dem Anhänger des Geländewagens liegen vier Klappleitern, gefertigt in seiner Firma Hochsitz24. Mützky fährt den Feldrand entlang, Jagdhelfer Thomas Lauhoff (29) stellt die Klappleitern auf. „Auseinanderziehen, Seitenteile arretieren, aufsteigen und Fußbrett umklappen, fertig“, sagt Lauhoff, der diese Leiter mit konstruiert hat. Eine wiegt etwa 35 Kilogramm.

Sören Mützky, Thomas Friedrich und Thomas Lauhoff besteigen die Leitern, der Mähdrescher setzt sich langsam bergauf in Bewegung. Obwohl während dieser Demonstration keine Sauen im Raps sind, wird dem Betrachter klar: die Übersicht über das Geschehen im Raps, dem umliegenden Gelände und die Standorte der Mitjäger an der abgestellte Fläche ist groß. Mützky und die anderen stehen mit dem Fahrer des Mähdreschers auf Augenhöhe. Die Jäger können sogar sehen, was hinter dem Mähwerk passiert.

„Saujagd ist für mich immer wieder eine große Herausforderung“, sagt Mützky. Hier käme es auf Schnelligkeit und Sicherheit an. „Von der Leiter aus kann man sie früher sehen und ruhiger zu Schuss kommen“, meint er.

Seit 20 Jahren geht Mützky zur Jagd, vor sechs Jahren entwarf und baute er mit Zimmermann Thomas Lauhoff seine erste eigene Ansitzleiter. In nur drei Tagen, wie er sagt. Das hatte einen besonderen Grund.

„In meinem Revier waren kaum brauchbare Leitern zu finden“, erzählt der Unternehmer. Dickungen, Suhlen, Mahlbäume und starke Wechsel zum angrenzenden Feld, zeugten von gutem Wildbestand und erfolgreicher Jagd. Geeignete Jagdeinrichtungen? Fehlanzeige. Kostspielige Ausgaben dafür waren im Budget des Kaufmanns nicht vorgesehen. Die Freude über das eigene Revier wich der Angst, dass die Jagd mühsam und wenig erfolgreich werden könnte.

Ansitzleitern mussten her. Und zwar optimale. Der Sicherheitsaspekt war anfangs allerdings eher ein Nebeneffekt. In der Werkstatt wurde gezeichnet, getüftelt und gebaut. Leiterholme, -sprossen und Querstreben, Sitzbrett-, Lehne und Fußbrett entstanden. Als sie die klappbare Holzleiter das erste Mal ausprobierten, waren Mützky und Lauhoff vollends überzeugt.

Als die erste Leiter fertig war, ging man fürs eigene Revier in Serie. Schnell sprach sich die Funktionalität der stabilen Klappleiter unter Jagdfreunden herum. Erste Aufträge im engeren Kreis folgten. Und es wurden immer mehr. „Mit zwei Leitertypen gingen wir in Produktion“, so Mützky. Der Vertrieb war anfangs nur auf die nähere Umgebung beschränkt. Aber dann hieß es: Aufträge ablehnen oder expandieren. Mützky wagte den Schritt nach vorn. Investierte in Maschinen und Werkzeuge. „In diesem Jahr werden wir etwa 2.000 Klappleitern ausliefern“, sagt er.

Momentan hat der Betrieb mit seinen sechs Mitarbeitern Hochsaison. Die Erntezeit ist im vollen Gange, Drückjagdsaison steht bevor. Die Auftragsbücher sind voll. 80 bis 90 Klappleitern werden jetzt pro Woche in die gesamte Bundesrepublik geliefert. „Wir haben den Umsatz im letzten Jahr verdreifacht“, so Mützky. Zudem fertigt der Betrieb Ansitzböcke, Kanzeln, Baumleitern und fahrbare Einrichtungen.

„Gerade während der Ernte sind tragbare hohe Leitern wichtig“, so Mützky. Hier müsse Sicherheit absolute Priorität haben, sagt er, während er die Bestellung am Computer bearbeitet und an die Produktion weitergibt. Tödliche Jagdunfälle, wie in WuH Heft 10/2010 berichtet, könnten damit vermieden werden, so Mützky und zeigt auf den Artikel, der auf seinem Schreibtisch liegt.

Mützky ist Jäger mit Leib und Seele. Er habe sein Hobby und den Beruf bestens miteinander kombinieren können, sagt er. Seine Mitarbeiter seien gute Handwerker mit Spaß am Hochsitzbau. „Mit diesen Leuten kann man immer wieder neue Wege gehen“, sagt Mützky. Von einer Idee zum Produkt werde zusammen gearbeitet. „Die Hölzer für unsere gesamte Fertigung stammen aus heimischen Wäldern“, so Mützky. Die Leitern werden in Uslar gebaut, in zwei Standartgrößen mit 225 und 270 Zentimetern Höhe, Sondergrößen auf Wunsch. Großkunden sind vor allem Forstämter, die immer öfter die Drückjagdböcke gegen Klappleitern austauschen. Vorteil hier: nach der Jagd können die Leitern eingesammelt und eingelagert werden. Das erhöht die Lebensdauer. Zudem seien Jagdeinrichtungen bei einigen Naturnutzern und Waldspaziergängern nicht gern gesehen. Preislich könne man sich gegen die Mitbewerber aus dem Ausland behaupten, so Mützky. Hochsitz24 bekommt immer öfter den Zuschlag bei Ausschreibungen für Jagdeinrichtungen. „700 Forstämter gibt es in Deutschland, 45 sind unsere Kunden. Viele kennen uns noch gar nicht“, sagt der weitsichtige Unternehmer.

Für Eigenjagden, Pachten oder Inhaber entgeltlicher Begehungsscheine rechne sich diese Jagdeinrichtung ebenso. Bei Preisen ab 119 Euro, komplett montiert geliefert und einer langen Haltbarkeit der imprägnierten Fichten- und Kiefernhölzer, ziehen viele Jäger die Klappleiter einer Marke Eigenbau oder teuren Varianten mittlerweile vor. Die Leiter ist überall einsetzbar.

Mützky und seine Jagdfreunde schwören auf sie. An diesem Abend wollen sie am Weizen ansitzen, am nächsten Tag wird ein weiteres Rapsfeld umstellt. Und das immer auch mit einem sicheren Gefühl. So macht ihm das Jagen Spaß.

Luchsmonitoring in Hessen

Der Luchs ist ein scheuer Einzelgänger, nachtaktiv mit großem Aktionsradius. Mit Fotos als „harte Fakten“, sollen in einem hessischen Pilotprojekt Steckbriefe der Tiere angelegt werden. Erste Erfolge lassen hoffen:
„Sie folgt uns etwa 150 Meter, dann schwingt sie sich auf einen Holzstoß und bleibt dort sitzen“, berichtet Raymund Brunner über seine erste Begegnung mit dem Eurasischen Luchs,(Lynx lynx), in einem Waldstück im Schwalm-Eder-Kreis. Der rehgroße Luchs lag bei Dunkelheit auf einer Freifläche im Gras. Brunner leuchtet ihn mit einer Taschenlampe an, erkennt die typischen Pinselohren, die Fellzeichnung und den Stummelschwanz. Tage später gelingt es, Fotos zu machen. Er veröffentlicht sein Erlebnis und Fotos auf der Internetseite des Arbeitskreises Hessenluchs. Ein eindeutiger Beweis und reiner Zufall.
Der Arbeitskreis Hessenluchs, eine Organisation aus Naturschützern, Forstleuten und Jägern, nimmt seit 2004 alle hessischen Meldungen über derlei Begegnungen auf. Die erste Sichtung gab es in den 1980er Jahren im Kellerwald, 1999 wurde der Luchs vermehrt im Werra-Meißner-Kreis gesehen, mittlerweile war er in 20 Landkreisen Hessens unterwegs. 359 Meldungen gingen bei Hessenluchs ein, im letzten Jahr allein 76 aus dem Werra-Meißner und zwölf aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Aufmerksame Spaziergänger, Jäger und Wanderer machten Fotos, fanden Trittsiegel, Tierrisse, Markierungszeichen und Kot.
Die Vorstellung, dass diese Tierart die Fauna hessischer Wälder auf lange Sicht bereichern könnte, treibt die 69 ehrenamtlichen Mitarbeiter von Hessenluchs an. Gemeinsam suchen sie nach Methode zur Bestandsaufnahme der Luchse, dies sich langfristig etablieren lässt. Diesem Ziel ist Hessenluchs jetzt ganz nah. Mit fest installierten Fotofallen ist man dem heimlichen Nachtjäger an einigen Stellen bereits auf die Schliche gekommen. Beim „aktiven Monitoring werden die Tiere ungestört in ihrem Lebensraum fotografiert. Ein hessisches Pilotprojekt.
„Von jedem fotografierten Tier wird ein Steckbrief gemacht“, sagt Thomas Norgall vom Arbeitskreis Hessenluchs und Stellvertretender Landesgeschäftsführer von BUND Hessen. 50 Fotofallen wurden dafür in den Revieren der Forstämter Hessisch Lichtenau und Melsungen installiert. Abseits der Wald- und Wanderwege, im Dickicht, an Wildwechseln, Lichtungen und Plätzen, wo bereits Luchse gesichtet oder gefährtet wurden, hängen jetzt tarnfarbene Apparate von der Größe einer Brotdose. Die etwa 200 Euro teuren Fotofallen machen erstaunlich gute Bilder und speichern sie auf einer Chipkarte. Bis auf eine Entfernung von 50 Metern lösen sie aus und zeigen, wer tags und nachts im Wald unterwegs ist. Ausgestattet mit Bewegungsmelder, Infrarot und einem Blitzlicht, das die Tiere nicht verschreckt.
Ralf Meusel, Forstbeamter und Luchsbeauftragter beim Forstamt Hessisch Lichtenau, kontrolliert einmal monatlich seine Fotofallen, entnimmt die Speicherkarten, lädt vor Ort die Bilddateien auf den Laptop. Im April stellte er 20 Fotofallen auf. „Zweimal war eine Wildkatze zu sehen“, sagt Meusel, ansonsten Hirsche, Rehe oder Waschbären. Die Fotos zeigen deutlich, dass die Tiere nicht gestört werden. „Sie äsen, halten sich lange im Bereich der Kamera auf“, so Meusel. „Im Mai gab es eine Sichtung, im März einen Riss“, erzählt der Forstbeamte. Die Apparate habe er an Stellen installiert, wo diese Tiere am häufigsten gesehen wurden. Bislang leider ohne Erfolg, das ersehnte Luchsfoto war noch nicht dabei.
Luchsbeauftragter Christian Peter Foet vom Forstamt Melsungen hat das Glück und die Luchse auf seiner Seite. Seit Anfang des Jahres stehen 30 Fotofallen in seinem Revier, fünf Aufnahmen verschiedener Luchse wurden seit dem gemacht, die letzte im Juli. „60 Mal wurde ein Tier von Jägern oder Spaziergängern gesehen“, so Foet. Von einigen Begegnungen gebe es Fotos, die bei Hessenluchs als C1-Meldung, harte Fakten, gespeichert werden, so Foet. Die anderen Hinweise untersucht er auf eindeutige Spuren und meldet diese unter C2, als von geschultem Personal bestätigt. Er selbst habe auch schon einen Luchs gesehen, verrät er und dass es schon einen Fortpflanzungsnachweis in seinem Revier gegeben habe. Jetzt hofft er, dass diese Jungtiere in Richtung Süden über die Rhön bis zum Bayerischen Wald ziehen werden, um sich mit der dortigen Population zu mischen. „Die Luchse in Nordosthessen sind ein Beleg für die biologische Vielfalt einer naturnahen Waldbewirtschaftung“, so Foet. Es beweise, dass Großpraedatoren, zu denen auch der Wolf gehört, in hochentwickelten Industriegesellschaften leben können. Eine ausreichende Mindestpopulation könne sich aber erst etablieren, wenn sich Tiere verschiedener Populationen fortpflanzen. „Inzucht bedeutet eine hohe Mortalitätsrate“, sagt Foet. Die natürliche Sterblichkeit bei Jungtieren liege in Mitteleuropa schon jetzt bei 75 Prozent. Die jungen Luchse sind zehn Monate alt, wenn sie sich ihr eigenes Revier suchen müssen, dann beginnt ihr Überlebenskampf.
Der NABU Hessen fordert darum in seinem Bundeswildwegplan unter anderem den Bau weiterer Wildtierkorridore. „Wenn die Populationen aus dem Harz und dem Bayerischen Wald über Hessen verschmelzen würden, wäre das eine traumhafte Entwicklung“, meint auch Thomas Norgall, doch davon sei man aber noch viele Jahre entfernt. Der Arbeitskreis Hessenluchs wird das aktive Monitoring noch weitere Jahre fortsetzen. Die erste Auswertung und Fotos dieser schon jetzt erfolgreichen Aktion kündigt Norgall für Ende September an.
„Der Puls hämmerte,…, aber ich bin glücklich über diese Begegnung“, schreibt Raymund Brunner über sein Erlebnis mit dem Luchs auf der Internetseite von Hessenluchs, wo es in Zukunft sicher weitere Schilderungen aufmerksamer Waldbesucher geben wird.

Info: Arbeitskreis Hessenluchs

2004 von BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Hessen und dem Ökologischen Jagdverein Hessen gegründet. In Kooperation mit dem Hessischen Umweltministerium, dem Landesjagdverband Hessen und Hessen-Forst gehören dem AK auch NABU Hessen, Forschungsinstitut Senkenberg, Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Hessen, Bund Deutscher Forstleute, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald an. Enger Kontakt besteht zum Luchshegering Vogelsberg. Die Arbeit wird aus Spendengeldern und Zuwendungen des Hessischen Umweltministeriums finanziert.

Luchsnachwuchs in Hessen

Nachweis für Reproduktion beim hessischen Luchs gelungen – Melsungen.
In Hessens Wäldern leben wilde Luchse. Und sie ziehen Junge auf. Das sind keine Vermutungen, sondern harte Fakten. So bezeichnet die Arbeitsgemeinschaft Hessenluchs unter anderem Fotos und Videos von der größten Wildkatze Europas. Im 170 km² großen „Hotspot“ des hessischen Luchsverbreitungsgebietes zwischen Fuldabrück, Melsungen, Spangenberg, Hessisch-Lichtenau und Helsa, ist die Möglichkeit einem Luchs zu begegnen besonders groß. In den waldreichen Landkreisen Schwalm-Eder und Werra-Meißner endete unlängst das vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUELV) beauftragte Projekt „Luchsmonitoring“, mit entsprechend großem Erfolg.
Im Luchsbericht 2011 wurden Hinweise von insgesamt 50 Luchsbeauftragten für den Zeitraum August 2010 bis Juli 2011 ausgewertet. 127 plausible Meldungen gingen ein, zehn davon sichere Nachweise durch das aktive Monitoring. Erstmals gelang der Nachweis für eine Reproduktion anhand der Bilder, auf denen Katze und Junge zu sehen sind. Im Landkreis Kassel gab es mit 39 die meisten Luchshinweise, zudem wurden Jungtiere gesehen. Im Rheingau-Taunus Kreis wurde die Großkatze insgesamt 26 mal gesehen, in weiteren zehn Landkreisen ist sie ebenfalls unterwegs.
Die Meldungen und Fotonachweise gehen auch nach Abschluss der Auswertung ein und gipfelten jetzt in einer Beobachtung von fünf Tieren. Forstwirt Ulrich Wettig liefen sie am 6. Januar auf seiner Fahrt durch das Revier über den Weg. Aufgeregt filmte er die Begegnung mit dem Handy, die Bilder sind etwas verwackelt, die Tiere aber gut erkennbar. „Die Katze stand zuerst quer auf verschneiten dem Waldweg, ich musste anhalten“, erzählte der 47-Jährige zwei Wochen später vor Ort. Das Video zeigt, wie die Luchsin danach hinter einem Holzstoß nur fünf Meter vom Auto entfernt vorbeiläuft, stehen bleibt und in Richtung einer Fichtenschonung zieht. Wettig filmte weiter, den Motor des Jeeps ließ er laufen. „Auf einmal sah ich drei Tiere im Display“, berichtete er. Im Film sieht man die Begrüßung der Tiere untereinander, die Aufnahme wackelt, Wettig zoomt die Szene heran, die sich zehn Meter vor dem überraschte Forstmann abspielt. „Ich wollte schnell noch ein paar Fotos machen, da kamen noch zwei Jungtiere dazu“, erzählte Wettig weiter. Er machte Fotos von allen, dann trollte sich die Luchsfamilie.
Diese Dokumentation bestätigt Forstamtsleiter Christian-Peter Foet in seiner Vermutung: „Großkatzen sind anpassungsfähiger, als die Fachliteratur das bislang beschrieben hat“, sagte er. Zwar hielten sie Abstand zum Menschen, aber sähen in ihm keine Gefahr. In Melsungen leben nach Annahme Foets mindestens fünf erwachsene Tiere und bis zu sechs Junge. Eigentlich zu viele dieser Einzelgänger auf einer Fläche von 280 km² im Forstamt Melsungen, so Foet. Bei guten Lebensbedingungen lassen die Luchse aber offenbar andere Artgenossen in ihrer Nähe zu, zudem beweise die Luchsin mit vier Jungen, dass genug Beute für ihre Nachzucht vorhanden sei.
Im Revier Melsungen werden immer wieder Luchse beobachtet. Foet geht allen Meldung nach, sieht sich die Bilder genau an. Vor einem Jahr wurden für das Monitoring 30 Fotofallen installiert, die automatisch Bilder verschiedener Tiere schießen konnten. Einmal im Monat wurden die Speicherkarten entnommen und ausgewertet. „Zwei dieser Geräte wurden leider gestohlen“, bedauert Foet, schließlich könnten auf den Speicherkarten wichtige Beweisfotos gewesen sein.
Bei Hessenluchs werden die Fotobeweise als C1-Meldung (harte Fakten) registriert, „zwei Tiere wurden damit eindeutig identifiziert“, berichtete Foet. Unter den Aufnahmen die einer Katze, die im Sommer 2011 zwei Junge bei sich hatte, ein anderes zeigte ein geschlechtsreifes Männchen. Für Foet ist das nicht nur der bislang fehlende Fortpflanzungsbeweis, sondern vielmehr ein Beleg für die biologische Vielfalt in Hessens Wäldern, die auch einer naturnahen und umsichtigen Waldbewirtschaftung zu verdanken sei.
In Hessen sind die Luchse heimisch geworden. Es sind Tiere der Harzer Population, die hier ihr Revier gefunden haben, somit könnte die Mitte Deutschlands zu einem Sprungbrett der Etablierung und zur „Genbrücke“ einer Art werden, die seit 1833 in Hessen als ausgestorben galt. Ein Kreislauf ist in Gang gekommen. Gerade ist wieder Paarungszeit, die Luchsin entlässt ihre Jungen dieser Tage ins Einzelgängerdasein. Bestenfalls, so Foet, ziehen sie dann in Richtung Seulingswald, Knüll und Rhön, bis sich ihre Nachkommen irgendwann mit der Population im Bayerischen Wald mischen werden. „Im April kommen die nächsten Welpen, die wir hoffentlich ab Juli zu sehen bekommen“, sagte der Luchsfachmann Foet.
Eine „traumhafte Entwicklung“ nannte es Thomas Norgall vom NABU im Herbst 2011, als sich eine positive Tendenz des Projektes abzeichnete. Mit dem Luchsmonitoring soll diese auch in den nächsten Jahren weiter dokumentiert werden.

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