Arche Wanfried im Jahr 2012

Wir schreiben das Jahr 2012_Aufwärts in der Provinz – Der Klimawandel macht’s möglich. Der demografische Wandel in Deutschland ist Fakt. Einige erleben ihn als immer wiederkehrende Pressemeldung, doch für viele Kommunen ist er Realität. Die einen warten und hoffen, die anderen handeln. Bürgermeister Wilhelm Gebhard aus dem nordhessischen Wanfried glaubt nicht an Wunder, darum handelt er. Der 35-jährige Betriebswirt hat im Jahr 2007 das Amt des Stadtoberhauptes seiner Heimatstadt im Werra-Meißner-Kreis übernommen. Im Wahlkampf versprach er die Vermarktung der Stadt, und dass er Wanfried zu einer Marke machen wolle. Einnahmen kann die Kleinstadt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gut gebrauchen. Derzeit liegt die Verschuldung bei 20 Millionen Euro, 250.000 Euro Gewerbesteuereinnahmen pro Jahr können die finanzielle Misere in den nächsten Jahrzehnten kaum verbessern. Resignation? Für Gebhard ist das ein Fremdwort. „Umsetzbare Ideen müssen her“, sagt er. „Geld für Investitionen gibt es nicht, Investoren sind noch nicht in Sicht“, weiß der Betriebswirtschaftler und macht sich patriotisch zum Vorreiter, den Traum einer Renaissance dieser Stadt anzugehen.

Schlechte Lage, gute Lage

In Wanfried und den vier Stadtteilen leben derzeit etwa 4200 Menschen, 190 Meter ü. NN. Zwischen Mittelgebirgsanhöhen und dem Werrafluss geht es seit der Wiedervereinigung wirtschaftlich bergab. Die Zonenrandförderung fiel weg, die neuen Bundesländer in direkter Nachbarschaft locken mit hohen Subventionen bei Gewerbeansiedelung. In Wanfried schlossen einige Betriebe, neue Arbeitsplätze sind Mangelware, Hunderte mussten ihrer Heimatstadt den Rücken kehren. „Zehn Prozent der Häuser stehen jetzt leer, 25 Prozent der Eigenheime werden von Personen über 70 Jahren bewohnt“, erzählt der Bürgermeister. Auch dort drohen Leerstände in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren.
Das Stadtoberhaupt hat eine Kampagne ausgerufen: „Konzentrieren wir uns auf unsere Stärken!“, wiederholt er immer wieder und sieht seine Stadt im Zentrum Europas liegen. Denn das Armenhaus Nordhessens, wie der gesamte Werra-Meißner-Kreis genannt wird, könnte bald schon zur Arche des 21. Jahrhunderts werden. Platz hat man genug, schließlich raubte der demografische Wandel dem Kreis zwölf Prozent seiner Bevölkerung. Die Prognose bis zum Jahr 2050: nochmals bis zu 40 Prozent Schwund. Schulstandorte gehen verloren, Firmen wandern ab. In einer Region, in der 15 Jahre über den Ausbau eines 64 Kilometer langen Autobahnabschnittes, der „legendären“ A44 zwischen dem hessischen Kassel und dem thüringischen Eisenach diskutiert und gestritten wurde, siedelte sich kaum ein Unternehmen an.
Die Kleinstadt im ländlichen Raum biete aber auch Vorteile, weiß Gebhard, der gern in Wanfried lebt. „Das Ehrenamt und unsere soziale Infrastruktur mit traditionellen Handwerksbetrieben, Ärzten, Apotheke, Kindertagesstätten, Grund- und Gesamtschule, Hotels, Supermärkten und Fachgeschäften, all das haben wir noch“, sagt der Bürgermeister. Vor allem die niedrigen Lebenshaltungskosten sieht er als großen Vorteil und wirbt auch in Deutschland Ballungszentren und bei ehemaligen Wanfrieder Bürgern für ein Rentendasein bei niedrigem Mietzins und guter sozialer und medizinischer Versorgung. Bündnisse für Familie, Vereine und Unternehmer suchen nach gemeinsamen Strategien, tauschen sich aus.
Doch Gespräche allein reichen nicht. Die Stadtkasse ist leer. Und obwohl sich jüngst ein Käufer für ein leerstehendes Industriegebäude gefunden hat, gibt es noch immer mindestens drei große Anwesen, die früher mal hunderten Menschen Arbeit boten. „Ein Hochschul- oder Verwaltungsstandort wäre ein Glücksfall“, wünscht sich Gebhard. Dennoch sei er Realist. Auch die Arbeitslosenquote von lediglich 8,5 Prozent höre sich erst mal nicht schlecht an. In Wirklichkeit mussten viele Familien die Stadt verlassen, „das beschönigt die Arbeitslosenquoten“, so Gebhard. „Wir müssen Arbeitsplätze schaffen, die Produkte der Region vermarkten, Netzwerke schaffen und Bürger teilhaben lassen“, sagt er. Darum kämpft er auch um jeden einzelnen Neubürger.

Hoffnung gegen Horrorszenario

Wir schreiben das Jahr 2100. Die Insel Sylt ist komplett geräumt, der Hindenburgdamm nicht mehr befahrbar. Nur ein böser Traum? Nein, denn Forscher aus Kassel warnen tatsächlich: Ein bis zwei Meter Meeresanstieg seien bis dahin möglich. Auch wenn das alles nur Prognosen sind, müssen Küstenregionen wie die Niederlande auf lange Zeit 1,5 Milliarden Euro jährlich aufbringen, um größere Katastrophen abzuwenden. Das hat Hollands Deltakommission berechnet. Ein Deichbruch könnte dem Land 10 bis 50 Milliarden kosten. In den Jahren 2003 und 2004 habe man dort für Hochwasserschutz 2,5 Billionen Dollar ausgegeben und das weltweit größte Schutzbauwerk errichtet, berichtete National Geografic in einer Dokumentation über die Niederlande im Jahr 2005. Interessant zu erfahren, dass ein Viertel der Niederlande unter dem Meeresspiegel liegen, die Windmühlen sich dafür drehen, dass Sumpfland trocken gelegt wird und auch trocken bleibt, dass dort 16 Millionen Menschen auf einer Landfläche leben, die gerade einmal doppelt so groß ist wie Hessen (dort leben sechs Millionen Menschen). Der Schutz vor dem Hochwasser wird zum finanziellen Kraftakt. Abgesehen davon, dass Sturmfluten auch viele Menschenleben forderten.

Auch reiche Länder werden nicht für alle Zeit gegen die Fluten anbauen können. Darum wundert es Wanfrieds Bürgermeister Gebhard schon lange nicht mehr, dass der Ansturm niederländischer Bürger auf leerstehende Fachwerkhäuser seiner Stadt immer mehr zunimmt. Auch Elisabeth und Jeroen van der Kleij sind nach Nordhessen gekommen. „In unserem Haus in Holland steht das Grundwasser fünf Zentimeter unter dem Fußboden“, erzählen die van der Kleijs. Und fiele in Holland der Strom für die Pumpen der Grundwasserregulierung für ein paar Stunden aus, stünde ihnen das Wasser schnell bis zu den Knien. Das ist ihre Prognose für ihre Heimatstadt Utrecht. Auf die Frage, ob sie deshalb irgendwann ganz nach Nordhessen ziehen wollen, antworten sie mit „Ja“. Die van der Kleijs haben bereits im Jahr 2001 ein historisches Gebäude im Werra-Meißner-Kreis gekauft. Das Haus liegt einige Hundert Meter außerhalb der Ortschaft, 384 Meter über Normalnull.
„Diese Region ist eine Mischung aus Schweiz, Toskana und Schottland“, sagen sie. Darum suchten sie nach einem Objekt in Nordhessen und fanden eine Forsthausruine im Wald. Daraus machten sie in zehn Jahren ein Schmuckstück. Fuhren hunderte Male von Utrecht nach Nordhessen, 480 Kilometer pro Strecke. „Freitagabend hin und am Sonntagnachmittag zurück“, erzählt der 51-jährige Bankangestellte. Jedes Wochenende und im Urlaub hieß es: Steine schleppen, Müll entsorgen, Handwerker organisieren und Behörden suchen, die für Bauanträge, Anmeldungen und andere Bürokratie zuständig sind. „Das war mühsam“, sagen sie, und dass sie sich oft verloren vorgekommen seien, in einem Ort, in dem das Ehepaar niemanden kennt und wo das heute beinahe noch genauso ist.

Die Bürgergruppe wird aktiv – die Holländer hellhörig

Während die van der Kleijs im 20 Kilometer entfernten Dorf oft nur mühsam vorankamen, fand sich in Wanfried die Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser mit dem Ziel zusammen, jahrhunderte alte leerstehende Häuser wieder an den Mann zu bringen. „Fachwerkhäuser gehören zur Geschichte unserer Stadt“, so Gebhard, der sich der Gruppe anschloss, bevor er Bürgermeister wurde. Gemeinsam mit Architekten, Pädagogen, Hobbyrestauratoren, Ingenieuren, Finanzkaufleuten und Handwerkern katalogisieren sie „gefährdete“ Objekte. Dann erstellen sie Skizzen und Umbauvorschläge, machen Kostenermittlungen und kümmern sich um die Vermarktung.
Als die van der Kleijs von dieser Bürgergruppe hörten, setzten sie sich mit Bürgermeister Gebhard in Verbindung und erzählten ihm von ihrer Erfahrung. „Das Interesse der Niederländer an kleinen Fachwerkhäusern im Werra-Meißner-Kreis ist groß“, meinten sie und rieten der Stadt Wanfried zum Internetauftritt in den Niederlanden. Sie übersetzten die deutschen Texte und blieben auch weiterhin für Niederländer und Wanfrieder als Ansprechpartner erreichbar. „Wir wollen, dass unsere Landsleute es leichter haben“, sagen sie, deshalb ihre kostenlose Dienstleistung.
Auf der niederländischen Internetseite marktplaats.nl wird seit 2008 für die Häuser der Kleinstadt geworben. Innerhalb der letzten drei Jahre klickten 25.000 Besucher diese Seite an, hunderte Email-Anfragen und über 200 Besuchstermine folgten. Der Bürgermeister und eine Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser kümmern sich persönlich um die Kaufinteressenten, laden sie ein, empfangen sie im Rathaussaal bei Kaffee und Kuchen. Nach einer Powerpoint-Präsentation über die Stadt, die Umgebung und den Service der Gruppe gibt es eine Stadtführung mit dem Bürgermeister und die Besichtigung der Häuser, die zum Verkauf stehen. „Das kommt bei den Menschen gut an“, sagt Gebhard. Wohl auch, weil sie ernst genommen werden und mit keiner Frage allein stehen.
Darum kommen immer mehr Kaufinteressenten, nicht zuletzt, weil die überregionale Presse darüber berichtet, meint Gebhard. „Dann klingelt bei mir das Telefon heiß“, sagt er. Und auch hier kommt der besondere Service der Stadt zum Tragen, denn jeder Anruf wird vom Bürgermeister persönlich entgegen genommen, jedes Email von ihm umgehend beantwortet. Kommen die Interessenten nach Wanfried, werden sie von Herrn Gebhard empfangen. „Zurzeit sind das ein bis vier Besuche pro Woche“, so Bürgermeister Gebhard. Bis jetzt wurden dadurch 21 Häuser vermittelt, deren Besitzer teils ganz oder nur in den Ferien im Ort leben. „Damit fließt wieder Wasser durch die Leitungen, Strom wird gebraucht, die Leute gehen einkaufen, verbringen ihre Zeit hier“, freut sich Gebhard.

Erste Häuser günstig verkauft – weitere könnten teurer werden

Nach nur drei Wochen Internetpräsents war bereits das erste Objekt verkauft. „Bei den Preisen kein Wunder“, sagten die Käufer. 15.000 Euro kostete ein Fachwerkhaus, Baujahr 1758, mit 200 Quadratmetern Wohnfläche, 400 Quadratmetern Garten, einem Waldstück und einer Obstbaumwiese. Die neuen Besitzer schätzen die Nähe zur Werra, die Mentalität der Bürger und die aktive und kostenlose Hilfe der Bürgergruppe. Immerhin bekommen sie neben der Beratung auch ortsansässige verlässliche Handwerker vermittelt. Nachbarschaftshilfe und unkomplizierte Unterstützung durch die Stadtverwaltung inklusive. Die Beratung während der Bauarbeiten hat das Ziel, historische Häuser mit alten Baumaterialien wie Lehm, Holz und Sandstein zu restaurieren. Bausünden sollen vermieden oder beseitigt werden. Die geringen Kaufpreise lassen den Käufern Spielraum für Investitionen. „Die Stadt hat damit fast nebenbei ein Konjunkturpaket geschnürt, das seinesgleichen sucht“, lobt der Bürgermeister. Für die Internetpräsenz wurden bislang 400 Euro bezahlt, ortsansässige oder ortsnahe Handwerker stellten bereits 650.000 Euro für Leistungen an den verkauften Gebäuden in Rechnung. Dieses Wirtschaftsmodell scheint sich für alle zu rechnen.‘
Zwar teilt nicht jeder holländische Hauskäufer öffentlich die Meinung der van der Kleijs, über die Angst vor dem ansteigenden Meeresspiegel. Ob dies ein Selbstschutz vor einem drohenden Wertverlust holländischer Grundstücke und Häuser ist oder schlichtweg mit dem „Vertrauen in die modere Architektur schwimmender Häuser“ einhergeht, bleibt Spekulation. Die Kleinstadt Wanfried spekuliert nicht. Sie hat Zahlen und Fakten auf dem Tisch. Die zeigen einen deutlichen Anstieg an Bewohnern, jetzt, wo es Häuser und Grundstücke noch zu Spottpreisen gibt. „Diese werden vielleicht auch ansteigen“, sagt Gebhard.

Fazit

Polemiker könnten sagen: Das Interesse an den Wanfrieder Grundstücken steigt proportional zum Meeresspiegel und wird mit dem Faktor Klimawandel bald multipliziert werden. Bis dahin braucht es wahrscheinlich nur noch eine Generation. Den Niederländern ist schon längst klar, dass Hochwasserschutz an den Küsten nicht mehr ausgebaut werden kann. Sie haben Pläne, das Innland zu fluten, da die Hochwasserbedrohung durch den Klimawandel auch mit den Flüssen in Richtung Meer gespült wird. Also werden auch die Gebiete und Städte bald öfter unter Wasser stehen, die nicht direkt an der Küste sind.
Ein gemeinschaftliches Umdenken und Handeln bei der Reduzierung von Treibhausgasen, fallen noch immer der Lust an großen Autos und der Lobby der Autoindustrie zum Opfer. Der Klimaschutzgedanke scheint bei vielen bereits in steigenden Pegeln der Weltmeere untergegangen zu sein. Und Bürgermeister Wilhelm Gebhard könnte davon profitieren und als der nächste Noah in die Geschichte um das kommende Hochwasser eingehen.

Stadtführerin aus Leidenschaft

Büdingen. Die Fachwerkhäuser der Stadt strahlen in der Nachmittagssonne. An den Mauern des Festungswalls, an Häusern, Brunnen und Plätzen zieren bunt bepflanzte Blumenkästen die Straßen und Gassen. Büdingen zeigt sich an diesem Sommertag von seiner schönsten Seite. Alte Kastanien tragen üppiges, frisches Grün, die Bauerngärten zwischen der inneren und der äußeren Stadtmauer haben ihre sommerliche Vielfalt vor den Menschen ausgebreitet. Es scheint, als hätte die Stadt ihren „Tisch“ besonders hübsch eingedeckt für die Gäste, die sich am Flair der mittelalterlichen Stadt laben wollen.
In Büdingen sind sie richtig. Die Stadt mit dem einzigartigen Festungswall zieht jedes Jahr zehntausende Besucher an. Vor der Tourist-Information am Marktplatz versammeln sie sich, werden dort von Stadtführern begrüßt. Heide-Diana Massakas ist eine Stadtführerin im 21.000 Einwohner zählenden Büdingen. Neben den allgemeinen Stadtführungen ist ihr Steckenpferd das Fachwerk, die jung gebliebene 72-Jährige hat sich ein umfangreiches Wissen über das Kulturgut in Deutschland und der Welt angeeignet, aber auch in die Geschichte der Jüdischen Mitbürger und der Auswanderer zu Zeiten Katharinas der Großen im 18. Jahrhundert hat sie sich intensiv eingelesen, hat die Orte aufgespürt, wo sie den Menschen diese Geschichte hautnah präsentieren kann.
Gäste aus der ganzen Welt heißt Heide-Diana Massakas in der mittelalterlichen Stadt willkommen. Die Büdingerin spricht mehrere Sprachen, die sie für ihre berufliche Tätigkeit im Auswärtigen Amt brauchte. „Vor ein paar Wochen waren zwei Damen aus Canada hier“, erzählt sie. Auf der Suche nach einer mittelalterlichen Stadt, von Touristen noch nicht so überrannt wie Rothenburg ob der Tauber, seien diese im Internet auf Büdingen gestoßen. Der moderne Internetauftritt habe sie neugierig gemacht, er zeige bereits eindrucksvolle Ausschnitte dieser Stadt, erfuhr Heide-Diana Massakas von den beiden Touristinnen, die auf der Durchreise nach Norwegen waren.
Die Stadtführerin füllt diese ersten Eindrücke mit Geschichte und Geschichten. Sie schließt den Gästen Türen auf, gibt Einblicke, Überblicke und schöne Aussichten auf die Ausläufer des Vogelsbergs und der Wetterau. „Büdingen wurde auf einen Sumpf gebaut und steht auf Eichenpfählen wie Venedig“, erklärt sie vor dem großen Stadtmodell im Roten Turm. Es ist nicht nur ein 3 x 3 Meter großes Stadtmodell, es ist ein Kunstwerk. Der Büdinger Modellbauer Emil Höhn baute es aus tausenden Teilen von Balsaholz, rekonstruierte das dreizehnseitige Vieleck, aus dem das Schloss als einstige Wasserburg zwischen den zwei Armen des Semenbaches erbaut wurde und baute das Schloss aus Kernburg und Vorburg nach. Vor diesem Kunstwerk stehend, erklärt Heide-Diana Massakas, warum neben der von einer Stadtmauer umschlossenen Altstadt die Neustadt gebaut und ebenfalls von einem Festungswall umschlossen wurde. „Seit 1393 haben wir zwei befestigte Städte“, erklärt sie den sieben Frauen einer Fraport-Abteilung, die extra aus Frankfurt für diese Stadtführung angereist waren. „Eine Kollegin ist Büdingerin, darum wollen wir diese Stadt genauer kennen lernen“, erzählt Abteilungsleiterin Kerstin Rumpf auf Nachfrage. Für das Fraport-Team unterstreicht die Stadtführerin mit eindrucksvollen Gesten das, was sie über die Stadt weiß. Mit ihren Händen formt sie die Linien des Festungswalls nach, deutet auf Tore und Pforten, umrahmt dabei das Ganze mit heiteren Anekdoten und lebendiger Erzählkunst. Und auch für die seltsam geostete und für Büdingen eigentlich zu große Marienkirche hat sie eine einfache Erklärung. „Unser Tebartz van Elst im Mittelalter hieß Dieter II., Erzbischof von Mainz“, scherzt sie. Doch genau dieser Mann der Kirche habe Büdingen, einem Ort von Ackerbürgern und Handwerkern, die Möglichkeit gegeben, durch repräsentative Bauten zu zeigen, wer dort regierte. „Dieter II. gehörte zur Familie der Grafen von Ysenburg, die 1258 die Herrschaft über die Stadt erlangten und heute, 23 Generationen später, noch immer im Schloss zuhause sind“, sagt die Stadtführerin.
Seit acht Jahren ist sie wieder daheim in Büdingen. Vor 45 Jahren arbeitete sie bereits ein paar Jahre in der Stadtverwaltung. „Am liebsten habe ich dem Denkmalschützer Peter Nieß beim Sichten und Sortieren alter Dokumente geholfen“, erzählt sie. Schon damals habe sie die Geschichte interessiert, als sie nach 40 Jahren im Ausland wieder zurück kam, baute sie auf dieses Wissen auf.
In ihrem Hosenanzug mit floralen Motiven und dem orangeroten Strohhut auf dem Kopf führt sie die Gruppe durch Alt- und Neustadt, geht vorbei an den Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten, macht auf den echten Wilden Mann aufmerksam, eine Fachwerkkonstruktion aus dem frühen 16. Jahrhundert, die par excellance am Luckischen Hof in der Schlossgasse zu bewundern ist, wo die fachwerkbegeisterte Stadtführerin ins Schwärmen und Träumen gerät. „Hier werde ich ein Fachwerkmuseum einrichten, wenn ich irgendwann den Jackpot gewinne“, sagt sie und gewinnt erst einmal die Bewunderung der sieben Frauen, die von der Fassade fasziniert sind, die ein Zimmermeister im Jahr 1510 verzimmert hatte.
Auf der Tour macht die Gruppe Halt am Obertor, die Stadtführerin öffnet den Verschlag, der einst eine Arrestzelle war. „Hier wurden die eingelocht, die der Nachtwächter auf seinem Rundgang durch die Stadt festgenommen hat“, erklärt sie, beim Blick in das kleine dunkle Loch, wurde jedem Betrachter klar, dass der Gefangene sicher schnell den Gerichtstag herbeisehnte, um da wieder herauszukommen. „Doch nach der Verurteilung ging es gleich in einen der drei Gefängnistürme, was auch kein Vergnügen war“, erzählt die Geschichtskennerin. Gleich gegenüber geht sie dann mit ihrer Gruppe die Straße „Am Gebück“ hinauf. „Hier gab es eine beinahe undurchdringliche Hainbuchenhecke, die noch mit Brombeersträuchern „aufgerüstet“ war, damit Angreifer nicht gleich an den Festungswall kamen“, sagt sie.
Einen Überblick über diesen beide Städte umfassenden Festungswall mit seinen 22 Türmen und Halbschalen bekommt die Frankfurter Gruppe beim Aufstieg auf das Große Bollwerk. Mit einem Blick über Büdingen hinweg auf den Wilden Stein, ein Basalt-Vulkangebilde des Vogelsbergs, dem ältesten Vulkan Europas, wird den Gästen endgültig klar, dass sie hier an einem ganz besonderen Ort sind. Die Stadtführung endet am Jerusalemer Tor, an der Grenze zur Vorstadt, die im 18. Jahrhundert vor den schützenden Mauern erbaut wurde. „Das Jerusalemer Tor ist als einziges noch erhalten, weil die Büdinger Bürger es um das Jahr 1820 besetzten und so vor dem Abriss schützten, immerhin 71 Jahre vor dem ersten Denkmalschutzgesetz“, sagt die Stadtführerin am Ende ihrer Tour, bei der sie wieder einmal zeigen konnte, dass es sich lohnt, die Geschichte einer hessischen Stadt hautnah zu erkunden. (dieser Artikel ist am 6. August in der F.A.Z. erschienen) (dw)

Hetzschrift aus 1939

Juden im Werratal
Was die Archive der Stadt Wanfried berichten. (Lesen Sie dazu auch: 200-Prozentige und die Anderen)

Ein Zeitungsartikel im Eschweger Tageblatt aus dem Jahr 1939. Verfasser P.

Wie Diebe in der Nacht sind sie auch in das Werratal gekommen. Die Zeit des Einbruchs dieser asiatischen Parasiten in die Kultur und Wirtschaft unserer Heimat ist nicht mehr festzustellen. Höchstwahrscheinlich fällt sie schon in das 15. Jahrhundert. Ein Grabstein auf dem jüdischen Totenhof in Wanfried trägt die Jahreszahl 1432. Dann sind sie Jahrhunderte lang verschwunden. Die Wanfrieder Chronik deutet an, dass sie bei einer Verfolgung verbrannt worden seien. An Gründen dieser radikalen Ausrottungsform wird es wohl nicht gefehlt haben. Aber ein gebrannter Jude scheut auf die Dauer das Feuer nicht. Jedenfalls haben sie sich im 16. Jahrhundert im Werratal wieder eingenistet.
Anfänglich sind es in Wanfried „derselben ißo Zwehne“, wie es im alten Saalbuch heißt. Das „Schutgeld von Juden“ beträgt jährlich 4 Reichstaler. Überraschend wächst die Zahl der Judenfamilien in Wanfried im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts auf zwanzig. Wie ist das möglich. Es erklärt sich von selbst, wenn man bedenkt, dass diese Zeit das starke Aufblühen der Werraschiffahrt bringt. Der weit ausgedehnte Handel, der für die Juden in der Hauptsache nur Schachern, Betrügen und Lügen bedeutet, hat sie nach Wanfried gelockt. Noch müssen sie aber geschlossen an der Peripherie der Stadt wohnen. Alle wohnen „uff dem Diche“ (auf dem Teiche), eine Straßenbezeichnung, die heute verschwunden ist. Später machen sie sich in den Hauptstraßen, durch die der Verkehr flutet, breit und erwerben hier Grundbesitz.
Frech ist das Gesindel immer gewesen. So finden wir in dem Strafregister von 1620 den Eintrag: „Ein fremder Jude wird mit fünf Gulden betraft, weil er auf dem Stadtkeller unhöfliche Lieder gesungen und spöttisch auf den Herrn Jesus Christus geredet hat.“ Eine besondere Judensteuer ist der Zuchthauszoll. „Er beträgt einen Taler, „wenn ein Jud Hochzeit machet.“ In dieser Verordnung werden sie mit Seiltänzern, Gauklern, Taschenspielern und Glückstopfhaltern in einem Atem genannt. Wegen Steuerrückstände kommen sie mit der Stadt Wanfried wiederholt in Konflikt. 1658 müssen sie 24 Gulden nachzahlen. Das Geld wird zum Wiederaufbau des Armen- und des Siechenhauses verwandt.
In einer Polizeiverordnung wird den Juden streng verboten, mit Tuchen und Wollwaren, die nicht hessischen Ursprungs sind, zu handeln. Nach einer speziell für die Juden erlassenen landgräflichen Verfügung dürfen keine „verdächtigen oder Betteljuden“ im Werratal geduldet werden. Sie müssen sich an christlichen Sonn- und Feiertagen über still und eingezogenen verhalten. In dieser Verfügung werden die jüdischen Schliche und Kniffe treffend charakterisiert, wenn es heißt:
„Auf die wucherliche Kontrakte, die einige Juden in Geld auslehnen auf Garn, Wolle, Frucht, Vieh und dergleichen zu treiben gewohnt sind, indem sie diejenigen Sachen, welche ihnen gegen das vorgeschossene Geld versprochen worden, insgemein von neuem auf eine kurze Zeit stehen lassen, hierbei aber jedes Mal dasjenige, was sie den Leuten anrechnen, aufs allertheurerste, was sie aber dagegen gelieffert erhalten, sehr gering ansetzten, und da sie diese Verkehrung oftmals wiederholen, desgleichen in ihre Hände geratene Leute in geschwinde und schwere Armut stürzten, ist sehr Acht zu geben und sofort der Obrigkeit davon Anzeige zu thun.“ Auf geraubtes Diebesgut der Juden zielen folgende Wort hin: „Wenn Juden Gold, Silber und andere bei ihnen sonst nicht gewöhnlich geführeten Waren bei sich haben, oder wenn erwähnte Juden eine längere Zeit als sie sonsten pflegen von Haus bleiben, muss ohne Anstand bei der Obrigkeit gemeldet werden. Auch mit Falschgeld wissen die Juden umzugehen, wie ein Münzedift aus dem 18. Jahrhundert beweist.
Unsauberer Handel ist mit Schmuggelei eng verknüpft. Und in Wanfried als Grenzort blühte der Schmuggel im 17. und 18. Jahrhundert außerordentlich. Träger dieser Sauerei ist vor allem wieder der Jude. Sein Absatzgebiet ist das nahe Eichsfeld. Zu den Kriegszeiten schützt er sein Eigentum durch Zahlung von Schutzgeld an die durchziehenden Kriegsvölker, was natürlich mit vollem Recht den Unwillen der übrigen Stadtbewohner erregt.
Mit dem Aufstieg und Absinken der Schiffahrt steigt und fällt auch stets die Zahl der Juden in Wanfried. 1861 sind es noch 140, zwölf Jahre später nun noch 99. Wanfried ist für sie keine Ausbeutungsdomäne mehr, wenn auch der Kleinhandel noch weiter in ihren Händen liegt. Geldjuden bevorzugen größere Städte als Operationsgebiet. Erst die neue Zeit räumte völlig mit dem Judenspuk in Wanfried auf. Wanfried ist schon seit Jahren judenrein. Auch die im Jahre 1890 erbaute Synagoge ist längst dem Abbruch zum Opfer gefallen. Das Verschwinden dieses im maurischen Stil gehaltenen Machwerks bedeutet eine weitere Verschönerung Wanfrieds.
Unter sich einig als Parasiten an dem deutschen Volkskörper, lebten sie auch in Wanfried unter sich wie Hund und Katze. Darüber wusste der verstorbene Pfarrer und Kreisschulinspektor Bippart eine köstliche Episode zu erzählen. Kam da eines Tages der Judenlehrer Oppenheim jammernd und heftig gestikulierend zu ihm gelaufen und rief: „Herr Kreisschulinspektor, rette he mech vor meine eigene Leit. Ech werde Antisemit, ech werde Antisemit.“
Es wird nicht schwer fallen, aus den Archiven anderer Orte gleichfalls das Schmarotzerleben der Juden im Werratal festzustellen.    P.

Kommentar von Diana Wetzestein:
Eigentlich gibt es über die jüdische Gemeinde in Wanfried nix zu sagen. Jedenfalls sagte man mir das. Nix, weil ja alle jüdischen Familien lange vor der Verfolgung und Vertreibung durch die Nationalsozialisten „verschwunden“ sein sollen. Ganz von allein haben die sich praktisch selbst vertrieben. Und wenn ich lese, was P. da geschrieben hat, könnte ich eine „Selbstvertreibung“ sogar verstehen. Schließlich war man hier nie willkommen.
Klar, das ist überall auf der Welt ein heikles Thema. Schließlich hat da beinahe jede Stadt und jeder Ort seine Hände im Blut der Juden gewaschen. Über Jahrhunderte hinweg waren sie die Überträger der Pest, die Schuldigen bei Großbränden, Dürre, Hochwasser, Kinderkrankheiten, Krätze, Blödheit, Armut, Haar- und Zahnausfall. Dann gingen die abergläubischen Leute auf die Juden los, verbrannten sie wie Hexen, stachen sie ab wie Schlachtvieh und teilten ihren Besitz unter sich auf. Aber immer nur so viele wurden „weggemacht“, dass die Überlebenden die Städte weiterhin mit überhöhten Steuern unterstützen konnten. Amnestie gab es für sie nicht, aber Amnesie überall. Und so ist es auch in Wanfried. Keiner weiß was, keiner hat was gesehen und wenn, kann man sich nicht erinnern. Auch im evangelischen Kirchenarchiv ist nix zu finden. Lupenreines judenfreies Archiv. Das wundert mich nicht mehr, wo ich jetzt die „lustige Episode vom Juden, der Antisemit werden will“ von Pippart kenne. Aber die kenne ich ja nur, weil es Leute gibt, die aufmerksam alte Zeitungen lesen und mich darauf aufmerksam gemacht haben. Und weil es Leute gab, die in Zeitungen ihre Meinung offen unters Volk bringen und aufschreiben durften, wie sie diese Zeit so erlebt haben, als Millionen von Menschen wegen einem Oberspinner, seinen vielen kleinen Profiteuren und Helfern, ermordet und vorher bestialisch gequält wurden.
Dafür muss man doch auch Verständnis haben, jedenfalls wird das immer wieder gefordert, wenn ich mich über so etwas aufrege. Aufregen ist nur im stillen Kämmerlein erlaubt. Schließlich waren es „schwierige Zeiten“, und die Menschen wollten auch unterhalten werden. Dafür sind die Journalisten da. Den Zeitgeist der Leser zu treffen, gelingt außerdem nicht jedem. Dafür muss ein Profischreiber ran. P., der Profischreiber. Seinen Einfluss auf die Köpfe der „Bessermenschen“ darf ich aber, trotz allen Ekels vor dieser Person, nicht überbewerten. Das wäre reine Spekulation und dann würde ich mich mit P. auf eine Stufe stellen. Ich könnte seinen Artikel eine Art Werbung nennen. – Oder? Nein, kann ich nicht. Für mich liest sich das wie Propaganda, Todeshetze gegen Mitmenschen. Aber so was hat es in Wanfried ja nie gegeben. Wir haben die schönen Märchen vom Brombeermann, wie er mit seinen infantilen Elfen und Zwergen aus den Taterslöchern kriecht und in die Stadt kommt. Seit 1568 macht er das jedes Jahr, übernimmt dann die Regentschaft während der Schützenfesttage und ist danach wieder verschwunden. Der Brombeermann ist unser bester Mann. Das ist unsere Wirklichkeit. Der Rest, das sind nur Buchstaben, gedruckt auf Zeitungspapier. Höchstens einmal gelesen und wieder vergessen. Wer die dritte revidierte Auflage des Buches liest, findet auf Seite 9 im Vorletzten Absatz zwei interessante Namen. Wilhelm Pippart höchst selbst hat dieses Vorwort in seiner 2. Auflage von 1939 geschrieben, der Magistrat der Stadt Wanfried hat es so übernommen. Aus Unwissenheit oder bewusst, das kann ich nicht sagen. Zitat: „Obige Sätze gab ich meinem „Brombeermann“ mit als Geleit auf seine erste Wanderung durch die engere und weitere Heimat. Er hat überall herzliche Aufnahme gefunden, besonders auch bei bedeutenden volkskundlichen Schriftstellern wie Heinrich Sohnrey udn Gustav Schröer. Ich habe auch der zweiten Auflage nichts besseres voranzusetzen. Nur das eine ist gewiss: Der Beerenkorb ist noch voller und schwerer, und die Waldfrüchte sind noch reifer geworden“. Wanfried, Weihnachten 1939. Wilhelm Pippart. Nach ihm ist übrigens eine Straße benannt und er ist immer noch Ehrenbürger dieser Stadt.

In Eschwege wollte man auch lieber vergessen. Aber den brauen Bürgermeister Dr. Beuermann hat es dann postum doch noch seine Ehrenbürgerschaft gekostet. Und weil der so braun war, hat man das Straßenschild ihm zu Ehren wieder abgeschraubt. So, nix mehr Dr.-Beuermann-Straße, jetzt wohnen die Leute Am Ottilienberg, es gibt aber noch ehemalige Dr.-Beuermann-Straßen-Verfechter, die haben die alten Schilder demonstrativ an ihr Haus gepinnt. Jüngst wurde dem Lehrer Fritz Neuenroth zu Recht die „Straßenschilderehre“ entzogen. Auch der wurde als Mitläufer eingestuft, das Straßenschild wird demnächst abgeschraubt. Ob sich die Wanfrieder das trauen würden? Also, den Wilhelm Pippart vom Sockel stürzen? Ich glaub, das kann ich vergessen. Ach ja, vergessen wir das hier doch lieber, ist besser für alle. Aber ich schreibe so gerne, weil: wer schreibt, der bleibt. Blöd ist das, sau blöd.
Eine dumme Sauerei ist diese dumme Schreiberei. Oh, das reimt sich, da könnt ich was draus machen…

An der Grenze lernen

25. November 2013, Wanfried
Ein Todesstreifen, mitten durch Deutschland. Heute ist das kaum noch vorstellbar. Doch es gab ihn, und er war menschenverachtend. Davon konnten sich 19 Schüler der Max-Beckmann-Schule aus Frankfurt am Main im Jahr 2008 ihr ganz eigenes Bild machen. Geschichtslehrer Klaus-Jürgen Wetz hatte seinen Unterricht direkt an die ehemalige innerdeutsche Grenze verlegt. Mit einem Kollegen und den Schülern der Jahrgangsstufe 12 fuhren sie auf Fahrrädern von Heiligenstadt in Thüringen nach Hessen, wo Tann in der Rhön das Ziel war. In sieben Tagen legten sie 220 Kilometer entlang der einstigen Grenze zurück. Für diesen aktiven Geschichtsunterricht bekam der Pädagoge am vergangenen Montag bei der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises in Berlin den 3. Preis in der Kategorie „Lehrer: Unterricht innovativ“, gestiftet von der Vodafone-Stiftung und dem deutschen Philologen Verband. Sie würdigten damit einen Oberstudienrat, der mit seinem Projekt „Mit dem Rad Geschichte erfahren“ die jüngste deutsche Geschichte auf besondere Weise vermittelte.
Im Telefongespräch, das die Redaktion am Mittwoch mit Klaus-Jürgen Wetz führte, betonte dieser, dass vor allem die Begegnungen in Wanfried, Heldra und Großburschla von großer Bedeutung waren. Die Kombination von Dokumentationszentrum, Großburschla als einem Ort, der besonders viele Sperranlagen hatte und die intensiven Gespräche mit Zeitzeugen, hätten diesen wichtigen Teil deutscher Geschichte nachhaltig transportieren können. Auch darum referiert Wetz seit 2009 über diese Reise, unterstützt wird er dabei ab und an von Reinhard Müller, den er auf der Exkursion im Werratal kennen gelernt hatte. Beide stehen jetzt als Werbeträger für einen Unterricht ein, der so in ein paar Jahren nicht mehr möglich sein wird. Lehrern und Schülern könne er nur empfehlen, sich das anzusehen und mit den Zeitzeugen zu sprechen, solange es sie noch gibt. „Allen, die uns unterstützt haben, möchte ich meinen ganz persönlichen Dank aussprechen“, sagte Wetz und nannte Landrat Stefan Reuß, Bürgermeister Wilhelm Gebhard und dessen damaligen Kollegen Bernd Rosenbusch aus Treffurt, Hubert Steube, Werner Jung und Ortsvorsteher Bernd Löffler aus Heldra sowie den Lehrer a. D. Hans-Joachim Aulich aus Großburschla.
Sie alle hatte Klaus-Jürgen Wetz bei seiner Recherche aufgespürt. Dreimal fuhr er die Strecke im Vorfeld ab. Als klar war, dass die Schüler mitmachten, fand Wetz in Dagmar Schipanski, damals Präsidentin des Thüringer Landtages und Norbert Kartmann, Präsident des Hessischen Landtages, begeisterte Schirmherren dieser lebendigen Kursfahrt. Das Buch „Die Grenze“ von Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp wurde zur Kurslektüre, Autor Ritter schloss sich den Schülern an, produzierte danach gemeinsam mit Dietrich Zarft einen Dokumentarfilm darüber. Die Route wählte Klaus-Jürgen Wetz anhand des Radtourenbuch „Deutsch-Deutscher Radweg“ des Europaabgeordneten der Grünen Michael Cramer aus, der die Gruppe auf der Etappe durch Wanfried begleitete.
Dort konnte Uwe Eberhardt, ehemaliger Zollbeamter und Zeitzeuge, den Geschichtsreisenden anhand eines Modells im Dokumentationszentrum zur deutschen Nachkriegsgeschichte zeigen, wo sich die Wachtürme, Selbstschussanlagen und Minenfelder befanden, die nur wenige Kilometer entfernt im thüringischen Großburschla bis 1989 Realität waren. Dass dieser Bereich im Westen „der Todesstreifen“ hieß, im Osten aber nur „der Sechsmeter“, machte deutlich, dass kaum jemand in der DDR wusste, welche Todesmaschinerie gegen die Ostdeutsche Bevölkerung gerichtete worden war.
Vor Ort in Großburschla erzählte Hubert Steube, Vorsitzender der IG Heldrastein, am Gedenkstein der Wiedervereinigung von gescheiterten Fluchtversuchen, Verletzten und Toten an der Grenze. Aber auch von dem Moment, als der Metallgitterzaun von den Grenztruppen der DDR durchschnitten wurde und alle Bewohner Großburschlas hindurchgehen durften, jubelnd empfangen von Hunderten Menschen im Westen, am 13. November 1989.
Fünf Jahre sind seit der Kursfahrt vergangen, viele Schüler zehren noch heute davon, einer studiert deshalb sogar Geschichte, einmal im Jahr treffen sich alle wieder. „Das steigende Engagement der Schüler während der Tour hat mich fasziniert“, sagte der Preisträger, „die „Empathie bei den Schülern war enorm hoch, vor allem in Gesprächen mit Zeitzeugen in Großburschla und Wanfried“, so Wetz und erinnerte an ein Treffen mit dem Ost-Berliner Journalisten Frank Junghänel in Großburschla. Dort hatte dieser als DDR-Grenzsoldat 1981 bis 1982 seine Militärzeit verbracht. Junghänel erzählte den Schülern von seiner Angst, auf Flüchtlinge schießen zu müssen. Diese Angst sei damals bewusst geschürt worden, sagte er.
In dem ehemaligen DDR-Bürger Reinhard Müller, der heute in Dreieich lebt, fand Wetz einen Mann, dem 1979 die Flucht in den Westen gelungen war. In dem Dorf, wo Müllers lebensgefährliche Flucht begann, standen sich fünfzig Jahre später der Grenzsoldat und der Flüchtling gegenüber und erzählten ihre Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Reinhard Müller nahm alle mit an die Stelle, an der er am 1. Juli 1979, dem Jahrestag der Volkspolizei, am Ostufer in die Werra gegangen war. Er sei durchs das kalte Wasser gekrochen, habe sich langsam zitternd vorangetastet und eine Stunde gebraucht, um nur einen Kilometer weiter im hessischen Altenburschla auf sicheren Boden zu gelangen. „Wer die Grenze erlebt hat, weiß die Freiheit zu schätzen“, sagte er mit Tränen in den Augen und zittriger Stimme, dass Müllers Eltern nach dessen Flucht unter Zwang umgesiedelt wurden, war für die Frankfurter Schüler kaum fassbar. Einer von ihnen sagt heute, dass dieses Projekt hautnah die Brutalität der Parteidiktatur vermittelt habe.
Im Ergebnis blieben gut dokumentierte Geschichte, emotionale Momente und die Erkenntnis, dass der Drang nach Freiheit die menschenunwürdigen Todesstreifen hatte bezwingen können.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sind die Broschüre von Klaus-Jürgen Wetz „Mit dem Rad Geschichte erfahren“ und die gleichnamige DVD von Jürgen Ritter erhältlich.

Spurensuche an der ehemaligen Grenze

17. August 2010, Wanfried-Altenburschla. Am Dienstagmorgen stiegen Tim Boardman und David Wilson in Boston/England ins Auto und fuhren los. Auf dem Autozug durchqueren sie den Eurotunnel, dann ging es über deutsche Autobahnen direkt nach Wanfried-Altenburschla. Am Abend checkten sie im Landhotel am Anger ein. Zwei Tage hatten sie sich frei genommen, um noch einmal an den Ort zurück zu kehren, wo sie den Kalten Krieg am eigenen Leib miterlebt hatten. „Uns läuft es heute noch kalt den Rücken runter, wenn wir daran denken“, sagten beide.

Es ist ungefähr 16 Uhr. Am Grenzstein 51 auf den Mainzer Köpfen oberhalb von Altenburschla explodieren zwei Minen. Eine Gruppe Jugendlicher aus Westdeutschland, England, Pakistan, Ecuador, Italien, den Niederlanden und der Ortsvorsteher Karl Montag aus Altenburschla werfen sich zu Boden, drücken ihre Gesichter tief ins Gras. Verwirrung, Angst, einen Moment lang Todesstille. „Helft uns! Wir verbluten!“, rufen Siegfried Merten (27) und Franz Pfeifer (22), Gefreite der DDR-Grenztruppen. Kurz vorher durchquerten sie ein unwegsames Gelände am Grenzstreifen, trafen auf die Gruppe vom Marburger Aufbauwerk der Jugend, sprachen über gutes Bier, rauchten gemeinsam ihre Zigaretten. Jetzt lagen die Grenzer schwerverletzt im Minenfeld der DDR.

Das sind Erinnerungen an den 17. August 1963. Tim Boardman und David Wilson waren 17 Jahre alt. Mit 18 anderen jungen Menschen, die beim Wegebau an der deutsch-deutschen Grenze helfen sollten, erlebten sie den blutigen Zwischenfall hautnah mit. Ein Mann namens Werner Röhricht sei dann als erster aufgesprungen, dessen Freund, Horst Prawlowski und Philip Dyer, ein englischer Fallschirmjäger, kamen ihm zur Hilfe, bargen die Schwerverletzten unter Lebensgefahr aus dem Minenfeld, schleppten sie auf das Gebiet der Bundesrepublik. „Jemand hätte auf sie schießen können“, so Boardman, „auf uns alle“, sagte Wilson, während er sich die ausgestellten Grenzanlagen der ehemaligen DDR ansah. „Ich habe meinen Gürtel abgezogen und dem Merten das Bein abgebunden“, erinnerte sich Boardman. „Auf Hochsitzleitern haben wir sie nach Altenburschla getragen“, erzählten sie, während eines Besuchs im Wanfrieder Heimatmuseum und Dokumentationszentrum zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Dort trafen sie sich am Donnerstagvormittag mit Uwe Eberhardt und Klaus Streitenberger. Eigene Kenntnisse und unzählige Zeitungsartikel über dieses Ereignis hatten sie parat. Annegret Arndt übernahm die Rolle der Dolmetscherin.

Am Tag zuvor besuchten sie die besagte Stelle an den Mainzer Köpfen. „Ein komisches Gefühl war das“, so Wilson, während er sich die ausgestellten Teller- und Stockminen im Museum ansieht. Der Besuch am Ort des Unglücks und diese Exponate ließen sie „die Erinnerungen an damals und Brutalität des Eisernen Vorhangs wieder spürbarer werden. „Wir haben den Kalten Krieg erlebt“, sagten sie, und dass Albträume sie verfolgt hatten. Doch ihr Leben ging weiter. Boardman studierte Maschinenbau, Wilson absolvierte ein Studium der Naturwissenschaften. Beide haben Familie, das Ereignis in Altenburschla ging ihnen nie aus dem Kopf. Sie hielten Kontakt, redeten immer wieder darüber, verfolgten später die Einträge im Internet. „Wir mussten wiederkommen“, sagten sie. Und sie hätten Merten oder Pfeifer gern getroffen, dazu kam es aber nicht.
„Was ist aus den beiden verletzten Soldaten geworden?“, fragte der 64-jährige Boardman, blätterte dabei in seinem alten Fotoalbum, zeigte beiläufig auf ein Foto. Wilson am Ortschild Altenburschla, am Tag des Unglücks. Beinahe jede internationale Pressemeldung über diesen Zwischenfall an der deutsch-deutschen Grenze haben sie gelesen. Seit dem es Internet gibt, recherchieren sie. „Es hieß, die beiden seien nach ein paar Tagen in den Osten geschickt worden“, so Boardman. Die New York Times und die Financial Times berichtete darüber, BILD, Welt und viele andere.

Die Frage, ob die Grenzsoldaten nicht doch noch verurteilt wurden, wollte ihnen nicht aus dem Kopf gehen, das Misstrauen gegen die DDR war groß. Uwe Eberhardt, damals als Zollbeamter an diesem Grenzabschnitt tätig, konnte sich erinnern. „Nach ihrer Rettung kamen sie ins Eschweger Kreiskrankenhaus. Einem wurde der Oberschenkel, dem anderen der Unterschenkel amputiert“, so Eberhardt. Zehn Tage später habe man sie zurückschicken können. Aber vorher sei in Gesprächen und durch das Schreiben eines Offizier der Zonengrenztruppe versichert worden: „Einer Bestrafung wird es nicht geben“. Gespräche über die Rückführung in die DDR wurden direkt mit dem diensthabenden Kommandeur und dem Zollkommissar aus Wanfried vor Ort geführt, erzählte Eberhardt. Man habe vorher Leuchtkugeln über Kreuz verschossen. Das sei das Zeichen dafür gewesen, dass man sich am Tor bei Wendehausen treffen solle, um zu reden. Das war einmalig, so Eberhardt.

„Warum war der englische Fallschirmjäger Dryer mit uns unterwegs?“, fragte Boardman noch. Dieser sei im Jugenddorf Hoher Meißner, in dem die Jugendgruppe untergebracht war, zu ihnen gestoßen. Angeblich mit dem Jeep unterwegs von England nach Australien. Der 27-Jährige Lebensretter wurde einen Monat später vom damaligen deutschen Botschafter in London mit der Hessischen Rettungsmedaille ausgezeichnet. Darüber berichteten die Zeitungen in England und Deutschland noch. Dann verlor sich seine Spur.

Recherchen der Redaktion ergaben, dass der 74-jährige ehemalige Gefreite Siegfried Merten heute noch in Oberdorla lebt. „Ich habe mein Leben den Leuten zu verdanken, die uns aus dem Minenfeld gerettet und erste Hilfe geleistet haben“, sagte er in einem Interview gegenüber Der Welt im Jahr 1998. Dass sie damals straffrei blieben, hätten er und Pfeifer auch der Westpresse zu verdanken, die damals groß eingestiegen sei. Heute will er zu diesem Tag, der sein Leben für immer veränderte, nichts mehr sagen. Zu Pfeifer habe er schon lange keinen Kontakt mehr gehabt. Es hieß, er sei IM gewesen, so Merten 1998. „Wir wollen die alten Dinge ruhen lassen“, sagte er vergangene Woche während eines Telefonats. Es ginge ihm gut, niemand müsse sich Sorgen machen, sagte er. An Tim Boardman und David Wilson konnte er sich nicht mehr erinnern. „Ich habe ihm 10 Pall Mall Zigaretten gegeben“, erinnert sich Boardman dagegen noch gut. Merten würde am liebsten diesen Tag ganz vergessen. Es war Kalter Krieg. Aber der ist lange vorbei.

Hinweis: Seit dem 12.12.1995 gilt der ehemalige Todesstreifen als minenfrei. 1,3 Millionen Minen wurden monatelang von Spezialkommandos geräumt. Lediglich 3.000 sollen nicht gefunden worden sein. Die Minen sollen laut Angaben des Bundesverteidigungsministeriums 200 Menschen verletzt und einen getötet haben. Vereinzelt wurden nach der Räumung noch Minen gefunden.

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