Faszination Greifvogel – eine Chance für Mensch und Tier

„Hier beginnt der Prolog über die Jagd mit Raubvögeln verfasst von dem edelsten und gelehrtesten Kaiser Friedrich II.“ Mit dieser Überschrift beginnt das Werk von Kaiser Friedrich II, „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“, der in diesem als Verfasser, Forscher und Liebhaber der Weisheit bezeichnet wird. Er, Kaiser der Römer, König von Jerusalem und Sizilien, wollte damit den Edlen und Mächtigen dieser Erde, den mit Pflichten der Herrschaft belasteten, zeigen, dass durch die Ausübung dieser Kunst wohltuende Ablenkung von ihren Sorgen zu erlangen waren. Die Armen und weniger Vornehmen würden durch ihr Dienen ihren Lebensunterhalt finden und allen würde bei der Ausübung dieser Kunst das Wirken der Natur in den Vögeln offenbart werden. So steht es dort seit dem dreizehnten Jahrhundert geschrieben.
Kaiser Friedrich II war fasziniert von den Raubvögeln, wie die Greifvögel noch lange genannt wurden. Sein Interesse und Beobachtungsdrang an diesen Tieren war derart groß, dass er selbst wissenschaftliche Studien zu diesem Thema erarbeitet hatte. Seine Arbeit und seine Aufzeichnungen waren so detailliert, dass wir davon ausgehen können, in seinem Werk umfangreich und der Wahrheit entsprechende Aufzeichnungen über die Beizjagd zu finden.
Vor 3.500 Jahren wurde die Beizjagd bereits in Asien und Indien ausgeübt. Damals diente diese spezielle Jagdart einzig der Fleischbeschaffung und war nicht mit Privilegien behaftet. Da die Aufzucht, Pflege und Haltung dieser Vögel schon damals sehr zeit- und arbeitsaufwendig waren, weckten diese Vögel sehr schnell königliches Interesse. Die Beschaffung geeigneter Tiere war nicht leicht und die Tatsache, dass die Jagd in erster Linie den Herrschern vorbehalten war, ließen diese Jagdart schnell zu einem Statussymbol werden.
Kaiser Friedrich II, der auch König von Sizilien und Jerusalem war, hatte beste Verbindungen zu den Oberhäuptern der Länder des Ursprungs dieser Kunst, wie er die Falknerei stets bezeichnete. Er war der Falknerei verfallen und arbeitete über dreißig Jahre an seinem Werk, das bis heute zu den größten zählt, die es jemals gegeben hat. Es ist das erste naturwissenschaftliche Standardwerk der Falknerei, ein erster und bedeutender Beitrag zur Greifvogelbiologie und bis heute gültig.
Die Falknerei hat seitdem den Lebensrhythmus der Menschen beeinflusst und brachte auch Künstler dazu, sich diesem Thema anzunehmen. Beizjagdszenen sind auf Gemälden, Fresken und Stichen aller Epochen zu finden. Der Greif auf der Faust eines Mannes war ein Symbol für Reichtum und Macht. Das spiegelt sich über Jahrhunderte hinweg in der Kunst wider. Die Menge an guter und wertvoller Fachliteratur spricht außerdem für sich.
Zu den in Deutschland eingesetzten Beizvögeln gehören bei den einheimischen Arten der Wanderfalke, der Habicht und der Steinadler. Immer beliebter sind mittlerweile auch nicht einheimische Arten wie zum Beispiel der Harrishawk (USA, Mexiko, Peru, Ecuador), der Lanner- (Afrika, Kleinasien, Italien, Balkan) und der Sakerfalke (Osteuropa, Zentralasien), sowie der Rotschwanzbussard (Nord- und Mittelamerika). Diese Arten unterscheiden sich in Haltung, Pflege und Jagdart gar nicht oder nur unwesentlich von den in Mitteleuropa beheimateten Greifvögeln.
Der Falkner bindet früher wie heute den Greifvogel an sich, in dem er ihm immer wieder die Freiheit gibt (Zitat von Horst Stern). Der Vogel, der den Falkner als einen Teil seiner Nahrungsnische ansieht und ihn benutzt, um ohne großen Energieaufwand leicht Beute zu machen, kehrt immer wieder zu ihm zurück, um die Zeit bei ihm zu verbringen, die der Fachmann als Komfortverhalten (Baden, Gefiederputzen, Sonnen, Tagdösen) beschreibt. Diese nimmt ungefähr 99 % des Tages in Anspruch. Das Jagen dient dem Greifvogel meist nur als Protein- und Eiweißbeschaffungsmaßnahme.
Wanderfalke und Habicht fliegen außerdem um zu balzen oder zu schweimen, d.h. in der Thermik zu fliegen. Der Steinadler, den man oft hoch am Himmel kreisen sieht, markiert mit seinem Flug auch seine Reviergrenzen. Dabei benötigt er allerdings in großen Höhen nur wenige Flügelschläge und reduziert damit seinen energetischen Aufwand. Denn ein hoher Energieaufwand bedeutet gleichzeitig mehr Beute machen zu müssen.
Aus dem Statussymbol Greifvogel wurde im Laufe der Jahrhunderte für einige Menschen ein Sport, die Falknerei zu einer Freizeitbeschäftigung. Der bereits bestehende Schutz der Vögel von oberster Warte, hatte für diese Tiere dadurch einen positiven Effekt.
Die geltenden Gesetze und Verordnungen zur Haltung dieser Tiere wurden immer wieder erneuert und den Veränderungen der Lebensräume angepasst.
Ein Falkner muss neben der Jägerprüfung auch eine Falknerprüfung ablegen, hat somit eine doppelte staatliche Prüfungspflicht. In dieser Falknerprüfung werden Kenntnisse überprüft wie: Haltung, Pflege und das Abtragen der Greifvögel; Kenntnis über Greifvögel, deren Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen; Ausübung der Beizjagd; Führung der Hunde; Rechtsgrundlagen; Greifvogelschutz; Beschaffung und Inverkehrbringen von Greifvögeln; Praktischer Teil über Haltung der Greifvögel und Ausübung von Beizjagd. Erst dann dürfen sich die Falkner an dieser Kunst erfreuen.
Ein Vogel muss fliegen, denn dazu ist er bestens ausgestattet. Zu den besten Fliegern zählt der Wanderfalke. Er besiedelt als die am weitesten verbreitete Vogelart der Welt, bis auf die Antarktika alle Kontinente. Sein Flug und seine Anpassungsfähigkeit, aber auch die Medienpräsens zu Zeiten des Insektizides DDT und der Auswirkungen auf den Bestand der Wanderfalken machten ihn zu dem bekanntesten Greifvogel der Welt. Als Felsbrüter bewohnt er gebirgige Landschaften; Steilküsten, aber auch Städte und Industrieanlagen mit ihren künstlich geschaffenen Felsen.
Der Wanderfalke ist ein anpassungsfähiger und hoch spezialisierter Vogeljäger. Seine Nahrung besteht fast nur aus Beute, die er in der Luft erjagt. Bei seinen spektakulären Sturzflügen aus großen Höhen erreicht er hohe Geschwindigkeiten.
Der Wanderfalke wird daher vorwiegend in der Anwartefalknerei eingesetzt, hierbei wird sein natürliches Jagdverhalten ausgenutzt, um Flugwild zu bejagen. Dabei wird auch ein Vorstehhund eingesetzt, der das Wild anzeigt; dem Falken wird die Haube abgenommen und er wird dann zum Steigen von der Faust geworfen. In der Regel steigt er zwischen einhundert und zweihundert Metern hoch und wartet über dem Falkner, bis dieser dem Hund den Befehl einzuspringen gibt und das Wild hochgejagt wird.
Die Geschwindigkeit die der Vogel während des Sturzfluges erreicht, wird durch das Anlegen der Schwingen noch erhöht. Durch einen Stoß mit den Klauen bindet er die Beute bereits in der Luft und geht mit ihr zu Boden. Der Wanderfalke ist ein Bisstöter, der seine Beute erst am Boden tötet.
Der Beizjagd mit Wanderfalken wird heute auch eine wirtschaftliche Bedeutung zuteil. So werden sie vorwiegend auf Flughäfen eingesetzt, um Vogelschwärme effektiv zu bejagen, die den Flugverkehr behindern oder gefährden können. Für die Flugzeugtriebwerke stellt der Vogelschlag (engl. „bird strike“) eine beachtliche Gefahr dar.
Auch die Vergrämung von Rabenkrähen, Möwen und Tauben kann mit dem Einsatz des Falken erreicht werden.
Ein weiterer einheimischer Beizvogel, der auch heute noch häufig zum Einsatz kommt, ist der Habicht. Im Gegensatz zum Falken ist der Habicht ein Grifftöter, der vom Ansitz aus die Beute bejagt. Neben dem Hund dient hier bei der Kaninchenjagd ein Frettchen dem Habicht und dem Falkner als Helfer.
Der Habicht wird gerne in Stadtgebieten, Parks, auf Firmengeländen und Friedhöfen eingesetzt, wo der Gebrauch von Schusswaffen nicht erlaubt oder unmöglich ist. Bei zu hoher Wildkaninchendichte soll so die Gefahr des Ausbruchs von Seuchen wie RHD (Chinaseuche) und Myxomatose verringert werden. Durch die selektive Jagd der Greifvögel, das heißt die Jagd auf krankes oder schwaches Wild, ist eine natürliche Bejagung praktisch immer gegeben.
Der größte und auch anmutigste Greifvogel, der zur Beizjagd eingesetzt werden kann, ist der Steinadler. Mit einer Spannweite von bis zu 2,30 Metern, einem Gewicht von bis zu 6,5 Kilogramm und einer Körperlänge von circa einem Meter bei den weiblichen Tieren, ist er wahrlich der König der Lüfte. Die goldbraune Tönung seines Gefieders brachte ihm den Namen Golden Eagle ein. Sein Flug ist ein Gleiten und Segeln, sein Ruf ein Pfeifen, dass man kilometerweit hören kann. Es ist der Ruf der Freiheit und der eines Einzelgängers.
Der Steinadler ist der einzige Beizvogel, der auf eine Person geprägt ist. Das macht ihn zu einem schwierigen Gefährten, aber gleichzeitig auch zu einer großen Herausforderung.
Dennoch hatte es auch der König der Lüfte in den letzten Jahrhunderten seiner Herrschaft nicht immer leicht. Eine Welle der Verfolgung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen die „Raubtiere“ richtete, machte auch vor ihm nicht halt. Die Adler wurden seinerzeit mit Fangeisen, Giftködern oder Schusswaffen getötet; Jungvögel und Eier wurden aus den Horsten genommen und vernichtet.
Die letzten Exemplare der Steinadler zogen nur noch in den Alpen ihre Kreise am Himmel. Um die Jahrhundertwende stand der König der Lüfte gar am Rande seiner Ausrottung.
Einem für seine Spezies noch rechtzeitiges Umdenken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass er unter Schutz gestellt und somit dieser Welt erhalten blieb. Die Intensive Verfolgung dieser Vögel hat nur wenige Jahre in Anspruch genommen. Dass der Steinadler heute wieder im gesamten Alpenraum verbreitet ist, grenzt an ein kleines Wunder. Dieses konnte nur in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit; durch strenge Schutzbestimmungen; ein Verbot der Bejagung und durch das Wissen einiger Falkner um die Aufzucht, den Lebensraum und die Auswilderung dieser Greifvögel erreicht werden. Sein Bestand hat sich erholt.
Das überlieferte Wissen des Zusammenwirkens von Tier und Natur, aber auch die Faszination Vögel, Herrscher der Lüfte und der Freiheit, an uns Menschen zu binden, hat heute seinen Sinn und seine Aufgabe in der Erhaltung bedrohter Arten gefunden. Somit ist die Falknerei nicht nur eine alte Kunst mit Falke, Habicht und Adler auf wildlebende Tiere zu jagen, vielmehr sind die Falkner zu wichtigen Fachleute geworden, die unverzichtbar dem Schutz der Greifvögel dienen.
Mit der Gründung des Deutschen Falkenordens (DFO) 1923 begann eine neue Epoche der Falknerei. Sie wurde zu einer Wissenschaft über das Verhalten von Mensch und Tier und der Wissenschaft der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Tier, auch als öko-ethologische Wissenschaft bezeichnet. Heute beinhaltet sie die Greifvogel- und Reproduktionsbiologie, Verhaltensforschung, Tierschutz und Tiermedizinforschung, sowie Artenmanagement und Artenschutz.
Unter den Mitgliedern des DFO befinden sich Personen nahezu aller Berufssparten. Unter den Akademikern gibt es auch eine Vielzahl von Tiermedizinern, die sich mit artgerechter Haltung und Greifvogelkrankheiten beschäftigen und wissenschaftliche Erkenntnisse und Neuerungen möglichst zeitnah und effizient umzusetzen versuchen.
Die hohe Kunst der Falknerei oder „De arte venandi cum avibus“, sprich: (Über) die Kunst mit Vögeln zu jagen, besteht darin, sich als Gefährte in das natürliche Verhaltensmuster eines Greifvogels einzugliedern. Dies galt vor mehr als 3.500 Jahren genauso wie es heute noch gilt. Die Kenntnisse über das Leben der Tiere sind von großer Bedeutung und für die Erhaltung der Lebensräume nutzbar.
Wer jemals die Anmut und Eleganz eines jagenden Falken bewundert hat, dessen Kraft und Entschlossenheit, wird die Faszination an den Greifvögeln sicher teilen. Der Moment, in dem der Vogel seinen festen Griff von der Faust löst und abgeworfen wird, lässt den Falkner immer wieder einen kurzen Augenblick vor Erfurcht inne halten. Er fliegt.
Freiheit geben, um die eigene Freiheit zu erlangen bedeutet: Lebensraum schützen und schaffen, um den eigenen Lebensraum zu erhalten. Dies ist die einzige Möglichkeit eine Bindung zwischen Mensch und Tier zu schaffen, die beide zum Überleben brauchen.
„Damit endet das Werk über die Falken, mit denen man beizt“, lautet der letzte Satz der vier Bücher von Kaiser Friedrich II, die er im dreizehnten Jahrhundert gemeinsam mit seinem Sohn Manfred geschrieben hatte und in denen Weißheiten nachzulesen sind. Beide wollten der Nachwelt eine Lehre über die Kunst der Falknerei hinterlassen und hinterließen ihr doch so viel mehr.
Und ganz sicher war die Falknerei mehr als nur eine Ablenkung von den Sorgen eines Herrschers, die sie dazu brachten, dieses Werk zu schreiben. Es war die Liebe zur Natur und zur Kreatur; es war das Wissen um das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier und die Tatsache, dass der Greifvogel dem Menschen durch seinen grazilen Flug das Gefühl von Freiheit und Endlosigkeit geben kann. Je besser Kaiser Friedrich II diese Vögel verstand, je mehr er sich von ihnen auf dem Flug durch die Natur tragen ließ, desto besser verstand er dieses Zusammenspiel der Lebewesen.
Der sehr weit vorangetriebene Schutz der Greifvögel zeigt einmal mehr, dass die Verantwortung für die Erhaltung der Lebensräume, mit dem überlieferten und erlangten Wissen durch die Falkner frühzeitig übernommen, zum Erfolg führten.
Jedes Jahr werden utopische Summen an Geld investiert, um virtuelle Scheinwelten zu schaffen. Sogar ein „second life“, ein zweites Leben kann sich der Internetnutzer bereits nach seinen Wünschen kreieren. Das Interesse an diesen virtuellen Welten ist um ein Vielfaches höher, als das an unserer realen Welt. Dabei wäre es höchste Zeit für ein Umdenken und die Bereitschaft, mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel in die Lebensräume der Tiere zu investieren, denn diese Welt gibt es nur einmal. Ein zweites Leben, wie im Internet vorgegaukelt, gibt es nicht.
Erschienen in: Die neue Neudammerin (Verlag Neumann-Neudamm 2007)

In der Vergangenheit gab es Persönlichkeiten wie Kaiser Friedrich II, der durch seine Faszination an den Greifvögeln Menschen aufmerksam und neugierig gemacht hat. Wenn es heute jemandem gelänge, das Interesse am Natur- und Artenschutz auf gleiche Art zu wecken, wie das an einem virtuellen zweiten Leben, wäre es für uns alle wahrhaftig eine großartige Investition in unsere Zukunft. Und eine Chance.