Arche Wanfried im Jahr 2012

Wir schreiben das Jahr 2012_Aufwärts in der Provinz – Der Klimawandel macht’s möglich. Der demografische Wandel in Deutschland ist Fakt. Einige erleben ihn als immer wiederkehrende Pressemeldung, doch für viele Kommunen ist er Realität. Die einen warten und hoffen, die anderen handeln. Bürgermeister Wilhelm Gebhard aus dem nordhessischen Wanfried glaubt nicht an Wunder, darum handelt er. Der 35-jährige Betriebswirt hat im Jahr 2007 das Amt des Stadtoberhauptes seiner Heimatstadt im Werra-Meißner-Kreis übernommen. Im Wahlkampf versprach er die Vermarktung der Stadt, und dass er Wanfried zu einer Marke machen wolle. Einnahmen kann die Kleinstadt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gut gebrauchen. Derzeit liegt die Verschuldung bei 20 Millionen Euro, 250.000 Euro Gewerbesteuereinnahmen pro Jahr können die finanzielle Misere in den nächsten Jahrzehnten kaum verbessern. Resignation? Für Gebhard ist das ein Fremdwort. „Umsetzbare Ideen müssen her“, sagt er. „Geld für Investitionen gibt es nicht, Investoren sind noch nicht in Sicht“, weiß der Betriebswirtschaftler und macht sich patriotisch zum Vorreiter, den Traum einer Renaissance dieser Stadt anzugehen.

Schlechte Lage, gute Lage

In Wanfried und den vier Stadtteilen leben derzeit etwa 4200 Menschen, 190 Meter ü. NN. Zwischen Mittelgebirgsanhöhen und dem Werrafluss geht es seit der Wiedervereinigung wirtschaftlich bergab. Die Zonenrandförderung fiel weg, die neuen Bundesländer in direkter Nachbarschaft locken mit hohen Subventionen bei Gewerbeansiedelung. In Wanfried schlossen einige Betriebe, neue Arbeitsplätze sind Mangelware, Hunderte mussten ihrer Heimatstadt den Rücken kehren. „Zehn Prozent der Häuser stehen jetzt leer, 25 Prozent der Eigenheime werden von Personen über 70 Jahren bewohnt“, erzählt der Bürgermeister. Auch dort drohen Leerstände in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren.
Das Stadtoberhaupt hat eine Kampagne ausgerufen: „Konzentrieren wir uns auf unsere Stärken!“, wiederholt er immer wieder und sieht seine Stadt im Zentrum Europas liegen. Denn das Armenhaus Nordhessens, wie der gesamte Werra-Meißner-Kreis genannt wird, könnte bald schon zur Arche des 21. Jahrhunderts werden. Platz hat man genug, schließlich raubte der demografische Wandel dem Kreis zwölf Prozent seiner Bevölkerung. Die Prognose bis zum Jahr 2050: nochmals bis zu 40 Prozent Schwund. Schulstandorte gehen verloren, Firmen wandern ab. In einer Region, in der 15 Jahre über den Ausbau eines 64 Kilometer langen Autobahnabschnittes, der „legendären“ A44 zwischen dem hessischen Kassel und dem thüringischen Eisenach diskutiert und gestritten wurde, siedelte sich kaum ein Unternehmen an.
Die Kleinstadt im ländlichen Raum biete aber auch Vorteile, weiß Gebhard, der gern in Wanfried lebt. „Das Ehrenamt und unsere soziale Infrastruktur mit traditionellen Handwerksbetrieben, Ärzten, Apotheke, Kindertagesstätten, Grund- und Gesamtschule, Hotels, Supermärkten und Fachgeschäften, all das haben wir noch“, sagt der Bürgermeister. Vor allem die niedrigen Lebenshaltungskosten sieht er als großen Vorteil und wirbt auch in Deutschland Ballungszentren und bei ehemaligen Wanfrieder Bürgern für ein Rentendasein bei niedrigem Mietzins und guter sozialer und medizinischer Versorgung. Bündnisse für Familie, Vereine und Unternehmer suchen nach gemeinsamen Strategien, tauschen sich aus.
Doch Gespräche allein reichen nicht. Die Stadtkasse ist leer. Und obwohl sich jüngst ein Käufer für ein leerstehendes Industriegebäude gefunden hat, gibt es noch immer mindestens drei große Anwesen, die früher mal hunderten Menschen Arbeit boten. „Ein Hochschul- oder Verwaltungsstandort wäre ein Glücksfall“, wünscht sich Gebhard. Dennoch sei er Realist. Auch die Arbeitslosenquote von lediglich 8,5 Prozent höre sich erst mal nicht schlecht an. In Wirklichkeit mussten viele Familien die Stadt verlassen, „das beschönigt die Arbeitslosenquoten“, so Gebhard. „Wir müssen Arbeitsplätze schaffen, die Produkte der Region vermarkten, Netzwerke schaffen und Bürger teilhaben lassen“, sagt er. Darum kämpft er auch um jeden einzelnen Neubürger.

Hoffnung gegen Horrorszenario

Wir schreiben das Jahr 2100. Die Insel Sylt ist komplett geräumt, der Hindenburgdamm nicht mehr befahrbar. Nur ein böser Traum? Nein, denn Forscher aus Kassel warnen tatsächlich: Ein bis zwei Meter Meeresanstieg seien bis dahin möglich. Auch wenn das alles nur Prognosen sind, müssen Küstenregionen wie die Niederlande auf lange Zeit 1,5 Milliarden Euro jährlich aufbringen, um größere Katastrophen abzuwenden. Das hat Hollands Deltakommission berechnet. Ein Deichbruch könnte dem Land 10 bis 50 Milliarden kosten. In den Jahren 2003 und 2004 habe man dort für Hochwasserschutz 2,5 Billionen Dollar ausgegeben und das weltweit größte Schutzbauwerk errichtet, berichtete National Geografic in einer Dokumentation über die Niederlande im Jahr 2005. Interessant zu erfahren, dass ein Viertel der Niederlande unter dem Meeresspiegel liegen, die Windmühlen sich dafür drehen, dass Sumpfland trocken gelegt wird und auch trocken bleibt, dass dort 16 Millionen Menschen auf einer Landfläche leben, die gerade einmal doppelt so groß ist wie Hessen (dort leben sechs Millionen Menschen). Der Schutz vor dem Hochwasser wird zum finanziellen Kraftakt. Abgesehen davon, dass Sturmfluten auch viele Menschenleben forderten.

Auch reiche Länder werden nicht für alle Zeit gegen die Fluten anbauen können. Darum wundert es Wanfrieds Bürgermeister Gebhard schon lange nicht mehr, dass der Ansturm niederländischer Bürger auf leerstehende Fachwerkhäuser seiner Stadt immer mehr zunimmt. Auch Elisabeth und Jeroen van der Kleij sind nach Nordhessen gekommen. „In unserem Haus in Holland steht das Grundwasser fünf Zentimeter unter dem Fußboden“, erzählen die van der Kleijs. Und fiele in Holland der Strom für die Pumpen der Grundwasserregulierung für ein paar Stunden aus, stünde ihnen das Wasser schnell bis zu den Knien. Das ist ihre Prognose für ihre Heimatstadt Utrecht. Auf die Frage, ob sie deshalb irgendwann ganz nach Nordhessen ziehen wollen, antworten sie mit „Ja“. Die van der Kleijs haben bereits im Jahr 2001 ein historisches Gebäude im Werra-Meißner-Kreis gekauft. Das Haus liegt einige Hundert Meter außerhalb der Ortschaft, 384 Meter über Normalnull.
„Diese Region ist eine Mischung aus Schweiz, Toskana und Schottland“, sagen sie. Darum suchten sie nach einem Objekt in Nordhessen und fanden eine Forsthausruine im Wald. Daraus machten sie in zehn Jahren ein Schmuckstück. Fuhren hunderte Male von Utrecht nach Nordhessen, 480 Kilometer pro Strecke. „Freitagabend hin und am Sonntagnachmittag zurück“, erzählt der 51-jährige Bankangestellte. Jedes Wochenende und im Urlaub hieß es: Steine schleppen, Müll entsorgen, Handwerker organisieren und Behörden suchen, die für Bauanträge, Anmeldungen und andere Bürokratie zuständig sind. „Das war mühsam“, sagen sie, und dass sie sich oft verloren vorgekommen seien, in einem Ort, in dem das Ehepaar niemanden kennt und wo das heute beinahe noch genauso ist.

Die Bürgergruppe wird aktiv – die Holländer hellhörig

Während die van der Kleijs im 20 Kilometer entfernten Dorf oft nur mühsam vorankamen, fand sich in Wanfried die Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser mit dem Ziel zusammen, jahrhunderte alte leerstehende Häuser wieder an den Mann zu bringen. „Fachwerkhäuser gehören zur Geschichte unserer Stadt“, so Gebhard, der sich der Gruppe anschloss, bevor er Bürgermeister wurde. Gemeinsam mit Architekten, Pädagogen, Hobbyrestauratoren, Ingenieuren, Finanzkaufleuten und Handwerkern katalogisieren sie „gefährdete“ Objekte. Dann erstellen sie Skizzen und Umbauvorschläge, machen Kostenermittlungen und kümmern sich um die Vermarktung.
Als die van der Kleijs von dieser Bürgergruppe hörten, setzten sie sich mit Bürgermeister Gebhard in Verbindung und erzählten ihm von ihrer Erfahrung. „Das Interesse der Niederländer an kleinen Fachwerkhäusern im Werra-Meißner-Kreis ist groß“, meinten sie und rieten der Stadt Wanfried zum Internetauftritt in den Niederlanden. Sie übersetzten die deutschen Texte und blieben auch weiterhin für Niederländer und Wanfrieder als Ansprechpartner erreichbar. „Wir wollen, dass unsere Landsleute es leichter haben“, sagen sie, deshalb ihre kostenlose Dienstleistung.
Auf der niederländischen Internetseite marktplaats.nl wird seit 2008 für die Häuser der Kleinstadt geworben. Innerhalb der letzten drei Jahre klickten 25.000 Besucher diese Seite an, hunderte Email-Anfragen und über 200 Besuchstermine folgten. Der Bürgermeister und eine Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser kümmern sich persönlich um die Kaufinteressenten, laden sie ein, empfangen sie im Rathaussaal bei Kaffee und Kuchen. Nach einer Powerpoint-Präsentation über die Stadt, die Umgebung und den Service der Gruppe gibt es eine Stadtführung mit dem Bürgermeister und die Besichtigung der Häuser, die zum Verkauf stehen. „Das kommt bei den Menschen gut an“, sagt Gebhard. Wohl auch, weil sie ernst genommen werden und mit keiner Frage allein stehen.
Darum kommen immer mehr Kaufinteressenten, nicht zuletzt, weil die überregionale Presse darüber berichtet, meint Gebhard. „Dann klingelt bei mir das Telefon heiß“, sagt er. Und auch hier kommt der besondere Service der Stadt zum Tragen, denn jeder Anruf wird vom Bürgermeister persönlich entgegen genommen, jedes Email von ihm umgehend beantwortet. Kommen die Interessenten nach Wanfried, werden sie von Herrn Gebhard empfangen. „Zurzeit sind das ein bis vier Besuche pro Woche“, so Bürgermeister Gebhard. Bis jetzt wurden dadurch 21 Häuser vermittelt, deren Besitzer teils ganz oder nur in den Ferien im Ort leben. „Damit fließt wieder Wasser durch die Leitungen, Strom wird gebraucht, die Leute gehen einkaufen, verbringen ihre Zeit hier“, freut sich Gebhard.

Erste Häuser günstig verkauft – weitere könnten teurer werden

Nach nur drei Wochen Internetpräsents war bereits das erste Objekt verkauft. „Bei den Preisen kein Wunder“, sagten die Käufer. 15.000 Euro kostete ein Fachwerkhaus, Baujahr 1758, mit 200 Quadratmetern Wohnfläche, 400 Quadratmetern Garten, einem Waldstück und einer Obstbaumwiese. Die neuen Besitzer schätzen die Nähe zur Werra, die Mentalität der Bürger und die aktive und kostenlose Hilfe der Bürgergruppe. Immerhin bekommen sie neben der Beratung auch ortsansässige verlässliche Handwerker vermittelt. Nachbarschaftshilfe und unkomplizierte Unterstützung durch die Stadtverwaltung inklusive. Die Beratung während der Bauarbeiten hat das Ziel, historische Häuser mit alten Baumaterialien wie Lehm, Holz und Sandstein zu restaurieren. Bausünden sollen vermieden oder beseitigt werden. Die geringen Kaufpreise lassen den Käufern Spielraum für Investitionen. „Die Stadt hat damit fast nebenbei ein Konjunkturpaket geschnürt, das seinesgleichen sucht“, lobt der Bürgermeister. Für die Internetpräsenz wurden bislang 400 Euro bezahlt, ortsansässige oder ortsnahe Handwerker stellten bereits 650.000 Euro für Leistungen an den verkauften Gebäuden in Rechnung. Dieses Wirtschaftsmodell scheint sich für alle zu rechnen.‘
Zwar teilt nicht jeder holländische Hauskäufer öffentlich die Meinung der van der Kleijs, über die Angst vor dem ansteigenden Meeresspiegel. Ob dies ein Selbstschutz vor einem drohenden Wertverlust holländischer Grundstücke und Häuser ist oder schlichtweg mit dem „Vertrauen in die modere Architektur schwimmender Häuser“ einhergeht, bleibt Spekulation. Die Kleinstadt Wanfried spekuliert nicht. Sie hat Zahlen und Fakten auf dem Tisch. Die zeigen einen deutlichen Anstieg an Bewohnern, jetzt, wo es Häuser und Grundstücke noch zu Spottpreisen gibt. „Diese werden vielleicht auch ansteigen“, sagt Gebhard.

Fazit

Polemiker könnten sagen: Das Interesse an den Wanfrieder Grundstücken steigt proportional zum Meeresspiegel und wird mit dem Faktor Klimawandel bald multipliziert werden. Bis dahin braucht es wahrscheinlich nur noch eine Generation. Den Niederländern ist schon längst klar, dass Hochwasserschutz an den Küsten nicht mehr ausgebaut werden kann. Sie haben Pläne, das Innland zu fluten, da die Hochwasserbedrohung durch den Klimawandel auch mit den Flüssen in Richtung Meer gespült wird. Also werden auch die Gebiete und Städte bald öfter unter Wasser stehen, die nicht direkt an der Küste sind.
Ein gemeinschaftliches Umdenken und Handeln bei der Reduzierung von Treibhausgasen, fallen noch immer der Lust an großen Autos und der Lobby der Autoindustrie zum Opfer. Der Klimaschutzgedanke scheint bei vielen bereits in steigenden Pegeln der Weltmeere untergegangen zu sein. Und Bürgermeister Wilhelm Gebhard könnte davon profitieren und als der nächste Noah in die Geschichte um das kommende Hochwasser eingehen.