An der Grenze lernen

25. November 2013, Wanfried
Ein Todesstreifen, mitten durch Deutschland. Heute ist das kaum noch vorstellbar. Doch es gab ihn, und er war menschenverachtend. Davon konnten sich 19 Schüler der Max-Beckmann-Schule aus Frankfurt am Main im Jahr 2008 ihr ganz eigenes Bild machen. Geschichtslehrer Klaus-Jürgen Wetz hatte seinen Unterricht direkt an die ehemalige innerdeutsche Grenze verlegt. Mit einem Kollegen und den Schülern der Jahrgangsstufe 12 fuhren sie auf Fahrrädern von Heiligenstadt in Thüringen nach Hessen, wo Tann in der Rhön das Ziel war. In sieben Tagen legten sie 220 Kilometer entlang der einstigen Grenze zurück. Für diesen aktiven Geschichtsunterricht bekam der Pädagoge am vergangenen Montag bei der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises in Berlin den 3. Preis in der Kategorie „Lehrer: Unterricht innovativ“, gestiftet von der Vodafone-Stiftung und dem deutschen Philologen Verband. Sie würdigten damit einen Oberstudienrat, der mit seinem Projekt „Mit dem Rad Geschichte erfahren“ die jüngste deutsche Geschichte auf besondere Weise vermittelte.
Im Telefongespräch, das die Redaktion am Mittwoch mit Klaus-Jürgen Wetz führte, betonte dieser, dass vor allem die Begegnungen in Wanfried, Heldra und Großburschla von großer Bedeutung waren. Die Kombination von Dokumentationszentrum, Großburschla als einem Ort, der besonders viele Sperranlagen hatte und die intensiven Gespräche mit Zeitzeugen, hätten diesen wichtigen Teil deutscher Geschichte nachhaltig transportieren können. Auch darum referiert Wetz seit 2009 über diese Reise, unterstützt wird er dabei ab und an von Reinhard Müller, den er auf der Exkursion im Werratal kennen gelernt hatte. Beide stehen jetzt als Werbeträger für einen Unterricht ein, der so in ein paar Jahren nicht mehr möglich sein wird. Lehrern und Schülern könne er nur empfehlen, sich das anzusehen und mit den Zeitzeugen zu sprechen, solange es sie noch gibt. „Allen, die uns unterstützt haben, möchte ich meinen ganz persönlichen Dank aussprechen“, sagte Wetz und nannte Landrat Stefan Reuß, Bürgermeister Wilhelm Gebhard und dessen damaligen Kollegen Bernd Rosenbusch aus Treffurt, Hubert Steube, Werner Jung und Ortsvorsteher Bernd Löffler aus Heldra sowie den Lehrer a. D. Hans-Joachim Aulich aus Großburschla.
Sie alle hatte Klaus-Jürgen Wetz bei seiner Recherche aufgespürt. Dreimal fuhr er die Strecke im Vorfeld ab. Als klar war, dass die Schüler mitmachten, fand Wetz in Dagmar Schipanski, damals Präsidentin des Thüringer Landtages und Norbert Kartmann, Präsident des Hessischen Landtages, begeisterte Schirmherren dieser lebendigen Kursfahrt. Das Buch „Die Grenze“ von Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp wurde zur Kurslektüre, Autor Ritter schloss sich den Schülern an, produzierte danach gemeinsam mit Dietrich Zarft einen Dokumentarfilm darüber. Die Route wählte Klaus-Jürgen Wetz anhand des Radtourenbuch „Deutsch-Deutscher Radweg“ des Europaabgeordneten der Grünen Michael Cramer aus, der die Gruppe auf der Etappe durch Wanfried begleitete.
Dort konnte Uwe Eberhardt, ehemaliger Zollbeamter und Zeitzeuge, den Geschichtsreisenden anhand eines Modells im Dokumentationszentrum zur deutschen Nachkriegsgeschichte zeigen, wo sich die Wachtürme, Selbstschussanlagen und Minenfelder befanden, die nur wenige Kilometer entfernt im thüringischen Großburschla bis 1989 Realität waren. Dass dieser Bereich im Westen „der Todesstreifen“ hieß, im Osten aber nur „der Sechsmeter“, machte deutlich, dass kaum jemand in der DDR wusste, welche Todesmaschinerie gegen die Ostdeutsche Bevölkerung gerichtete worden war.
Vor Ort in Großburschla erzählte Hubert Steube, Vorsitzender der IG Heldrastein, am Gedenkstein der Wiedervereinigung von gescheiterten Fluchtversuchen, Verletzten und Toten an der Grenze. Aber auch von dem Moment, als der Metallgitterzaun von den Grenztruppen der DDR durchschnitten wurde und alle Bewohner Großburschlas hindurchgehen durften, jubelnd empfangen von Hunderten Menschen im Westen, am 13. November 1989.
Fünf Jahre sind seit der Kursfahrt vergangen, viele Schüler zehren noch heute davon, einer studiert deshalb sogar Geschichte, einmal im Jahr treffen sich alle wieder. „Das steigende Engagement der Schüler während der Tour hat mich fasziniert“, sagte der Preisträger, „die „Empathie bei den Schülern war enorm hoch, vor allem in Gesprächen mit Zeitzeugen in Großburschla und Wanfried“, so Wetz und erinnerte an ein Treffen mit dem Ost-Berliner Journalisten Frank Junghänel in Großburschla. Dort hatte dieser als DDR-Grenzsoldat 1981 bis 1982 seine Militärzeit verbracht. Junghänel erzählte den Schülern von seiner Angst, auf Flüchtlinge schießen zu müssen. Diese Angst sei damals bewusst geschürt worden, sagte er.
In dem ehemaligen DDR-Bürger Reinhard Müller, der heute in Dreieich lebt, fand Wetz einen Mann, dem 1979 die Flucht in den Westen gelungen war. In dem Dorf, wo Müllers lebensgefährliche Flucht begann, standen sich fünfzig Jahre später der Grenzsoldat und der Flüchtling gegenüber und erzählten ihre Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Reinhard Müller nahm alle mit an die Stelle, an der er am 1. Juli 1979, dem Jahrestag der Volkspolizei, am Ostufer in die Werra gegangen war. Er sei durchs das kalte Wasser gekrochen, habe sich langsam zitternd vorangetastet und eine Stunde gebraucht, um nur einen Kilometer weiter im hessischen Altenburschla auf sicheren Boden zu gelangen. „Wer die Grenze erlebt hat, weiß die Freiheit zu schätzen“, sagte er mit Tränen in den Augen und zittriger Stimme, dass Müllers Eltern nach dessen Flucht unter Zwang umgesiedelt wurden, war für die Frankfurter Schüler kaum fassbar. Einer von ihnen sagt heute, dass dieses Projekt hautnah die Brutalität der Parteidiktatur vermittelt habe.
Im Ergebnis blieben gut dokumentierte Geschichte, emotionale Momente und die Erkenntnis, dass der Drang nach Freiheit die menschenunwürdigen Todesstreifen hatte bezwingen können.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sind die Broschüre von Klaus-Jürgen Wetz „Mit dem Rad Geschichte erfahren“ und die gleichnamige DVD von Jürgen Ritter erhältlich.