Vom alten Schlag

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Jeder hat die Wahl, aber nur etwa die Hälfte aller Wahlberechtigten geht hin. Ich habe mich immer wieder gefragt, wer das ist, der nicht wählen geht. Vielleicht sind es diejenigen, die in ihrem jungen Erwachsenenleben schon gelernt haben, dass sie in Deutschland weder Gehör, noch die Mehrheit bekommen, weil noch so viele „vom alten Schlag“ sind. Wer sich an diesen heroischen Ausspruch erinnert, hört vielleicht immer noch die Stimme des Verkünders sonor und laut vibrieren. „Der ist noch vom alten Schlag und das ist gut so!“, da läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Heute noch. Als ich Kind und Jugendliche war, wusste ich nicht, was das heißt und es hat mir auch keiner erklärt. Überhaupt gab es nicht viele Informationen über die noch junge Deutsche Geschichte, nur den Schwarzen Kanal mit dem von Schnitzler, der die BRD beschimpfte, was die Erwachsenen lustig fanden und ich nicht verstanden habe. Die Opas und einige Onkel waren im 1. und 2. Weltkrieg gewesen, die Omas und Tanten haben zuhause für Kinder und Haus gesorgt. Die Zeiten waren schwer, aber alles auch irgendwie besser, auf jeden Fall anders und die Welt einfacher. Es gab die Fernsehübertragungen aus dem Bundestag, da haben sich dicke Männer mit und ohne Hals gestritten, beschimpft und beleidigt, dabei geraucht und wahrscheinlich auch gefurzt. Das Ganze hatte Thekencharakter, aber immerhin hatte es einen solchen, denn heute ist der Bundestag entweder fast leer oder mit Smartphonenutzern und Tablettguckern besetzt, die sowieso nicht zuhören, wenn am Rednertisch einer seine Gedanken zum Thema vorträgt. Was nicht schimm ist, schließlich schreibt irgendjemand das noch mal ab und es wird als Protokoll zugeschickt – inklusive Zwischenrufe – und kann dann in einer stillen Stunde zuhause auf dem Sofa ganz in Ruhe bei einem Glas Wein nochmal gelesen und verinnerlicht werden. Das ist reine Fiktion, das wird nicht gelesen und darum wissen die Bundestagsabgeordneten auch nicht, was sie da für einen Mist erzählen. Nicht alle erzählen Mist, aber viele erzählen ähnliche Dinge, wiederholen sich und die Inhalte der anderen und nutzen die Talk-Shows als Bühne, den ganzen Quark wieder und wieder zu erzählen. Jedenfalls die Männer, weil Frauen da ja nur im Verhältnis 1:4 auftauchen. Maischberger, Will, Plasberg, ganz egal. Da werden Männer eingeladen und eine Alibifrau. Und dann antworten die nicht auf die gestellte Frage, sondern in auswendig gelernten Absätzen mit Worthülsen und das nervt. Da schaltet der gestresste Zuschauer ab.

Auch bei den unsäglichen Diskussionen nach der Wahl gestern Abend, konnte ich nur eine kurze Weile am Fernsehen bleiben. Das war auch unerträglich, diese strahlenden Selbstgefälligen. Die Frage danach, wer Schuld an diesem Wahlergebnis hat, wurde wahlweise mit CDU, SPD oder Flüchtlingskrise beantwortet. Man müsse erst mal sehen, was da passiert ist. What? Die Wähler, die diese Parteien wählen, die tragen auch die Schuld und die Verantwortung an diesem Ergebnis. Jeder einzelne. Ich finde, es ist zu einfach, die Schuld des Einzelnen immer aufs System abzuwälzen, weil jeder das tut, was er für richtig hält. Ob derjenige möglicherweise im Hirn etwas minderbemittelt ist, kann ja sein, es scheint aber nicht die ungebildete Masse zu sein, die dort gewählt hat, sondern die angeblich gebildete Mittelschicht, auch Arbeitslose, aber die kommen ja teilweise auch aus der Mittelschicht, weil die Roten und die Schwarzen seit Beginn der Bundesrepublik die Politik der Reichen machen. Was wir hier erleben, haben wir selbst gemacht und immer wieder auch selbst gewählt. Und gestern in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt waren es die Männer im mittleren Alter. Die wurden, bevor sie CDU und SPD wählen durften, von Altnazis erzogen. Als die Kinder und Jugendliche waren, wurden noch die Werte der Deutschen Hausfrau und des ordentlichen Deutschen Haushaltes gelebt und gepriesen, die Väter haben den Macho gespielt, das Auto, der Rasenmäher, der Urlaubsort, allesamt Zeichen einer erfolgreichen Deutschen Aufschwungsmasse. Und die Lehrer, die Pfarrer, die Behördenmitarbeiter, Anwälte und Richter… allesamt noch vom alten Schlag. Die Altvorderen, werden die auch genannt, weil sie die Nase immer vorn hatten. Dass die Kinder von damals heute noch einen Schlag haben, ist doch verständlich.

Dass es im Werra-Meißner-Kreis keine rechtspopulistische Partei im Kreistag oder den Kommunen gibt, das haben wir dem Aktionsbündnis Bunt statt Braun zu verdanken. Die zeigen, dass es anders geht, wenn man sich Mühe gibt und die Opfer ihrer Kinder- und Jugendzeit an ihre Wurzeln zurückführt. Das ist einfachste Psychologie. Aber erst, wenn die Erwachsenen von heute, die angelich besorgten Bürger, ihrer guten Kinderstube entfliehen und das hinterfragen, was die Nazis von damals ihnen in Kindertagen angetan haben, mit ihrem deutschen Spießbürgertum, mit dem dazu-gehören-Wollen, werden sie möglicherweise die Anderen endlich akzeptieren. Die 68er, die Hippies, die langhaarigen Nichtsnutze, die das alles nicht mitmachen wollten und dafür abgestraft wurden, die sind bis heute verschrien und auch nicht im Schützenverein.

Bunt statt Braun hat mit seinen Aktionen dafür gesorgt, dass sich die Leute für ihr fremdenfeindliches Gedankengut hier schämen müssen. Das ist gute Erziehung. Man muss nix verbieten, es reicht schon, wenn sich das Kind schämt, wenns irgendwas tun will oder getan hat, wo es weiß, dass es selbst und ganz allein dafür die Verantwortung tragen wird. Darum Hut ab von den Leuten, die immer wieder ihre Zeit opfern. Damit es keine Opfer mehr gibt.