Nürnberg in der Renaissance

Dieses Jahr rast. Und ich rase hinter ihm her. Nicht mal die Kolumne konnte ich in den letzten Wochen schreiben. Ein Event jagt das nächste. Und dabei bleibt kaum Zeit, um auszuruhen oder nachzusinnen. Da geht es den Menschen, wie den Leuten und mir. Ich habe das Gefühl, dass die Wanfrieder alle total überlastet sind. Ausgepowert, abgespannt, unkonzentriert.
Wie konnte es in letzter Zeit sonst zu Fehltritten wie den folgenden kommen?
Man stelle sich mal vor: SPD und CDU haben einen gemeinsamen Leserbrief verfasst und diesen in der WR veröffentlicht. Rote und Schwarze! Gemeinsam! In Wanfried!
Wahrscheinlich ist das ein ganz ausgekochter Plan, die Wähler zu besänftigen. Mit: „Wir sind für Euch (!) da, auch, wenn wir uns in den öffentlichen Sitzungen immer wieder nur die ollen Kamellen der Gegenseite um die Ohren hauen, was die Stadt zwar keinen Millimeter weiter bringt, aber schließlich ist das unser Recht und Spaß macht es auch. Aber eigentlich haben wir uns und Euch alle ganz doll lieb!“
So, so.
Das will aber niemand hören, warum sonst waren nur 15 Zuschauer bei dieser legendären Stadtverordnetensitzung, über die Herr Stück so trefflich berichtete? Und glauben will’s schon gar keiner.
In Wanfried hört sowieso niemand mehr richtig zu. Sonst hätte man den Schützenhauptmann am Schützenfest-Samstag-Abend wegen seiner „Alten deutschen Reichshauptstadt Nürnberg“ vom Rathausplatz verbannen müssen. Obwohl, Nürnberg hatte um 1500 seinen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Höhepunkt, sieht man mal von 108 Jahren Unterschied ab, ist das fast wie in Wanfried 1608, und damit einen Vergleich wert. Wir bewegen uns ja immerhin in der Renaissance und nicht in den Jahren 1933-1938, als Nürnberg Schauplatz der Reichsparteitage war, also handelt es sich wohl nicht um einen „Eva-Hermann“ – Fehltritt.
Denn wenn das so wäre, wir uns also von der Renaissance entfernt hätten und in der Reichskristallnacht bewegten, dann gute Nacht Wanfried! Und schlaft alle gut!