Neuer Morgen – neue Frisur

Man bin ich müde. Und der Blick in den Spiegel zeigt: ich sehe auch so aus. Richtig sehen kann ich aber erst, als ich meine schweren Augenlieder eine Weile zwischen zwei Finger klemme und mich langsam an den Tag gewöhne. Die Bauarbeiter vor meinem Schlafzimmerfester hatten sogar ein Einsehen, sie sind noch nicht da. Oder ich hab so fest geschlafen, dass ich die Rüttelmaschine neben meinem linken Ohr einfach nicht gehört habe? Ich sehe aus dem Fenster und bemerke, dass der Teer schon auf der Straße ruht und die Baustelle abgeräumt ist. Himmel. Wie lang oder wie fest hab ich nur geschlafen? Um wach zu werden, entschließe ich mich, zum Friseur zu gehen. Spontan, wie ich bin, greif ich zum Telefon und wähle die Nummer meines Vertrauens. „Klar, jetzt! Das geht, ist eben ein Termin abgesagt worden“, höre ich die Chefin sagen. Super. Ich, rein in die Klamotten, Zähne putzen, Apfel zwischen dieselben, ab ins Auto und los. Mein Outfit passt zu meinem Kopf. Wirrwarr, zerknittert, fade.
Aber das wird ja gleich anders. „Ich bin eben aus dem Bett und jetzt schon auf der Suche nach einer Frisur“, sage ich beim Eintreten in den Salon. „Dann suchen Sie sich einen Platz aus“, sagt die Chefin und ich nehme, wie immer, den in der rechten hinteren Ecke. Dann kommt ein mir völlig fremdes, junges und unsicheres Azubimädchen auf mich zu, bietet mir einen Kaffee oder ein Wasser an. Beides nicht, heute nicht. Sie wirft mir einen Umhang um und bindet eine Kreppmanschette um meinen Hals. Die Luft wird knapp, darum versucht sie es noch mal ohne Strangulation. Danach will sie das schwenkbare Waschbecken in die richtige Position bringen. Sie zieht daran und dreht mich mit dem Stuhl herum, um dann festzustellen, dass der Hebel, der den Stuhl nach hinten kippen lässt, immer noch auf der anderen Seite ist. Aber ihre Arme sind zu kurz, um den von ihrer Position aus zu erreichen, also muss sie alles wieder zurückdrehen. Ich bin ein Karussell. Aber dann wird’s was und mein Kopf hängt in der Keramik-Schüssel und das Wasser rauscht an meinen Ohren vorbei. Und das noch kleine Azubi-Mädchen kann eben so über die Waschschüssel und meinen Kopf im Spiegel den Blickkontakt zu mir halten. „Ist das Wasser so in Ordnung?“, fragt sie mich und ich denke eben noch: „das ist aber kalt“, sage aber „könnte ein bisschen wärmer sein“, da wird es auch schon heiß. „Die Temperatur schwangt sowieso ständig, das werden Sie ja gleich merken.“ In der Tat, autsch. Dann beginnt die Wäsche, inklusive der Kopf- und Kopfhautmassage mit Haarsträhnenverlustangst. Ich frage mich, wie die es immer wieder schaffen, durch bestimmte Drehtechnik der Hände und Finger in verschiedenste Richtungen, die Haare so um ihre Finger zu wickeln, dass es höllisch ziept und richtig weh tut? Aber, ich bin ja kein Mann und will mich auch deshalb nicht so benehmen. Ich leide also still und überlege, ob ein homosexueller Friseur eine andere Technik anwenden würde. Ganz sicher würde er das. Ich mobilisiere meine Stirnfalten, ziehe sie zusammen und lasse sie wieder locker, ansonsten lass ich mir nix anmerken und hoffe, dass ein Mensch, eine Frau mit Haaren auf dem Kopf, diese Zeichen erkennt und meine Schmerzen nachempfinden wird. Aber anstelle von Mitgefühl folgt die Massage auf den Schläfen. Liebe Friseurinnen und Friseure, und alle, die das mal werden wollen, lasst euch gesagt sein: Das ist die Hölle! Das ist eine ganz verwundbare Stelle, hat mir meine Oma immer gepredigt, aber genau da drücken die Coiffeure – und die, die es werden wollen – immer so fest rein. Uhhhh. Und noch bevor ich zuende denke, dass ich das nicht überleben werde und meine Oma Recht behalten wird, spült die Azubi endlich den Schaum ab. Ich habe es überstanden, denke ich, als die zweite Wäsche folgt. Jetzt ist es egal, denke ich und leide noch einmal.
Meiner Bitte um eine Haarkur, wegen der momentan doch sehr trockenen Struktur des zu verschönernden Schopfes, folgt die Azubi sofort. Ich habe plötzlich die Befürchtung, dass auch die Haare selbst sehr unter dieser brutalen Wäsche gelitten haben könnten und möchte mich irgendwie erkenntlich zeigen. Und das soll eine gute Entscheidung gewesen sein, denn es wird richtig schön. Die Azubi massiert mir sogar den Nacken. Zuerst denke ich, dass sie mich nur durchschütteln will, um das Handtuch zum Trockenrubbeln zu sparen, als sie mir wie einem Kaninchen ins Genick greift. Dann hält sie mir mit der linken Hand den Kopf fest, während sie mit der rechten die oberen meiner Halswirbel zu packen bekommt. Als sie den Schraubstockgriff löst wird sie ganz zart. Ich blättere dabei sorgar entspannt in der neuesten Ausgabe von Hair Aktuell und finde die Frisur meiner Begierde.
Dann eilt die Chefin herbei und vollendete das Kunstwerk. Mich! Und wenn ich gleich nach Hause komme, werde ich mein Outfit der Frisur anpassen und schade, dass du mich so nicht sehen kannst, denn morgen schon wird nichts mehr davon zu sehen sein und zu spüren auch nicht. Bis zum nächsten Mal. Wer schön sein will, muss leiden, sagte meine Oma immer und das stimmt wirklich. Nach dem Friseur ist vor dem Friseur und irgendwie freu ich mich schon drauf.