Göttin Sylt verlassen

Ich bin ja momentan gar nicht in Wanfried, sondern auf Sylt. Urlaub machen, aber wenn ich geahnt hätte, wie depressiv die Menschen hier zurzeit sind, wäre ich in meinem geliebten Städtchen geblieben. „Lehman, warum hast du uns verlassen?“, so lautet die Frage, die den meisten hier auf Sylt auf der Stirn geschrieben steht. Überall Wehklagen und verzweifelte Gebete um vergangene Zeiten. Und irgendwie ist es wieder wie immer in der Geschichte der Menschheit: ein Gott ist erst ein Gott, wenn er tot und begraben ist. Und den Gott machen wir selbst zu einem solchen und dann haben wir ihn und müssen sehen, wie wir das, was er zu Lebzeiten „angeblich“ alles gepredigt hatte, zu neuem Leben erwecken.
So auch bei Gott Lehman. Nein, nicht der Herr Lehman von nebenan, es ist Gott „Limän“, geschrieben Lehman. Für alle Nichtgläubigen: Lehman predigte über das Leben im Reichtum und Glück, für viele Euro, Dollar, Pfund, Schweizer Franken oder ähnliches konnte man bei ihm Zertifikate kaufen, die sich in seiner göttlichen Hand wundersam vermehrten und die Gläubigen noch reicher machte, als sie eh schon waren. Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Sekten intern bedeutet dies: wenn ein Schuldner zahlungsunfähig wird, kann eben alles weg sein. Bei Lehman, einem Bankengott, hätte allerdings niemand mit einem Totalverlust gerechnet. Und nun ist Lehman tot und die Zertifikate sind futsch.
Es ist traurig. So traurig. Aber oftmals sind die göttlichen Wege für uns Menschen eben unergründlich. Dabei hatten doch die Bankberater, diese gottlosen Seelenfänger, immer wieder gesagt, dass es mehr, mehr, ja viel mehr dafür gibt, als es das Papier auswies und jetzt soll alles so wertlos sein, wertlos wie ein Stück Papier? Warum nur? Wo ist es hin, das viele Geld?
Ein großer Haufen muss das gewesen sein. Und jetzt fliegt es mit Gott Lehman und seiner Seele durch die Weiten des Weltalls, wo noch genügend Platz ist, das ganze Geld unterzubringen, denn alles zusammen auf einem Haufen, geht ja gar nicht. Das weiß doch jeder. Es ist eben nur ein spiritueller Haufen Geld. Der Mensch, und das macht den Unterschied zu einem Gott aus, fühlt sich halt gut, wenn die Zahl auf seinem Kontoauszug hoch ist. Für eine kleine Spende viel der göttlichen Gunst bekommen, so funktionierte Lehman. Und jetzt ist er tot. Gott hab auch ihn selig. Denn Lehman ist ja kein Einzelfall und Gott (the real one) ist mittlerweile so was wie ein himmlischer Massen-Insolvenzverwalter für die vielen Pleitegeier. Doch, ist so! Is’ so!
Und während die Lehman-Jünger hier auf Sylt bei Gosch die Austern schlürfen und mit Champus runterspülen, praktisch ihr ganz eigenes Abendmahl einnehmen, scheint die Insel irgendwie unter der Last ihrer Schwermut langsam in der Nordsee zu versinken. Oder kommt das von den tonnenschweren 20-Liter-auf-100-Kilometer-Jeeps, die ein Naturwunder wie diese Insel in nur 60 Jahren in einen Laufsteg der Autoeitelkeiten verwandelt haben? Na ja, man lebt ja nur einmal, das geht den Menschen nicht anders als den Göttern oder den Inseln. Und wenn Sylt dann endlich tot und begraben ist, haben wir auch eine Göttin mehr. Bis dahin frage ich mich: „Sylt, wann wirst du endlich von uns verlassen?“